Fußball EM 2012: In Holland geht die Angst um

Dänemark reichte etwas Glück und eine durchschnittliche Leistung, um Holland zu bezwingen. Nun stehen die Niederländer im Spiel am Mittwoch gegen Deutschland bereits extrem unter Druck.  Wir analysieren die Stärken und Schwächen des niederländischen Teams und geben einen Ausblick auf die Partie.

Voraussichtliche Aufstellung der Elftal.

Wer hätte damit gerechnet? Die Holländer verpatzen ihren EM-Auftakt mit 0:1 gegen die Dänen und sind nun gegen unser Team unter Zugzwang. Das erste Spiel war die bisher größte Überraschung des Turniers. Dabei musste „Danish Dynamite“ noch nicht einmal richtig zünden. Glück und eine durchschnittliche Leistung reichten aus, um die „Elftal“ in die Knie zu zwingen. Sneijder und co. werden am Mittwochabend mit Sicherheit ein komplett anderes Gesicht zeigen müssen, um in der Gruppe B noch um die Vergabe der Viertelfinalplätze mitmischen zu können.
Die Holländer spielen im traditionellen 4-3-3. Joris Mathijsen wird wohl nach seiner Verletzung ins Zentrum der Viererkette zurückkehren. Spannend wird sein, ob sich Bert van Marwijk von der öffentlichen Kritik diverser holländischer Experten (van Basten, Cruyff, etc.) beeinflussen lässt und auf Klaas-Jan Hunterlaar und Rafael van der Vaart zurückgreift. Zudem stehen ihm mit Dirk Kuyt und Luuk de Jong weitere Offensivkräfte zur Verfügung. 

Das Prunkstück

Hollands Kronjuwelen finden sich in diesem Team ganz klar in der Offensivabteilung wieder. Robin van Persie (Arsenal London), Wesley Sneijder (Inter Mailand), Arjen Robben (Bayern München) und Ibrahim Afellay (FC Barcelona) sind allesamt Spieler, die an einem guten Tag den Unterschied ausmachen können. In der Qualifikation zu dieser Europameisterschaft haben sie ihre Angriffsqualität eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Mit 37 Toren in zehn Spielen erzielten sie sogar noch drei Treffer mehr als die Deutschen. 

Gegen die Dänen ließen sie allerdings zahlreiche Großchancen aus, so zielte Robben zu genau (Pfosten), van Persie und der eingewechselte Hunterlaar scheiterten teilweise kläglich in aussichtsreicher Position. Insgesamt erwischten die Offensivkräfte der Niederländer in Sachen Torabschluss einen rabenschwarzen Tag.

Sneijder und Afellay

Chancen jedoch spielten sie sich etliche heraus und genau dies beweist die Stärke und auch die Gefahr, die vor allem vom Denker und Lenker ihres Spiels, von Sneijder ausgeht. Er war stets präsent, beweglich und agil und leitete mit seinem hervorragenden Passspiel und Auge einen Großteil der Chancen ein. Von Dänemark war er über die kompletten 90 Minuten nicht in den Griff zu bekommen, auch weil er immer wieder auf die Flügel auswich und vor allem mit Afellay sehr gut harmonierte. Afellay selbst ist einer der hoffnungsvollsten, jungen Spieler der Holländer. Dass van Marwijk ihn trotz monatelanger Verletzungspause in die Startelf stellte und dafür Spieler wie van der Vaart auf die Bank verbannte, zeigt seinen Stellenwert. Zu 100 Prozent fit ist er aber noch nicht, weswegen er gegen Deutschland eventuell auf der Bank Platz nehmen muss.

Robben

Arjen Robben spielte gegen die Dänen teilweise sehr erfrischend, wechselte desöfteren die Seite und tauchte auch ab und an durch das Zentrum auf. Mit seinem Pfostenschuss hatte er eine der größten Möglichkeiten, einmal spielte er für ihn untypischerweise kurz vor dem Tor ab anstatt selbst den Abschluss zu suchen. Auf seiner angestammten rechten Außenbahn ließen sich die dänischen Gegenspieler unverständlicherweise ein ums andere Mal von seinem in Deutschland ach zu bekannten Bewegungsdrang nach innen überraschen. Dies sollte ihm gegen Lahm und Kollegen am Mittwoch gegen Deutschland deutlich schwerer fallen. Insgesamt machte er kein schlechtes Spiel, defensiv arbeitete er wie immer wenig mit. Findet er bis Mittwoch sein Glück im Abschluss wieder, müssen die Deutschen ihn besser bearbeiten als die Dänen. Mit Lahm spielt er allerdings gegen einen, der ihn vom FC Bayern genauestens kennt.

Van Persie oder Hunterlaar oder beide?

Beide machten vor dem Tor in der Auftaktbegegnung eine äußerst unglückliche Figur. Es schien gegen die Skandinavier so, als hätten sie ihre Abschlussqualitäten in ihren Vereinen gelassen. Die niederländische Öffentlichkeit diskutiert schon seit Wochen, wer von beiden stürmen soll oder ob es nicht sogar besser wäre, wenn beide zusammen stürmen. Dieses Experiment schlug jedoch in der Vorbereitung mehr als fehl. Van Marwijk entschied sich zu Beginn für van Persie, am Mittwoch wird es einerlei sein, wer spielt, denn dass beide nochmals solche Chancen versieben, daran kann man gehörig zweifeln. Das Dänemarkspiel war wohl ein Ausrutscher, die Qualität beider vor dem Tor ist enorm. Badstuber und vor allem der gelobte Hummels stehen vor der Feuertaufe.

Das Sorgenkind

In der Rückwärtsbewegung zeigt sich aber auch die Kehrseite einer mit Stars gespickten Offensive. Defensivarbeit gehört bei Robben, van Persie und Sneijder nicht zu den bevorzugten Aufgaben. Zu kompensieren ist dies nur über eine enorm starke Abwehrformation, die die Niederländer aber nur mit Abstrichen haben. 

Die Viererkette

Mit Willems und van der Wiel haben sie zwar sehr talentierte, aber keineswegs zur Weltspitze zählende Außenverteidiger. Gregory van der Wiel muss Robbens fehlende Unterstützung ausbaden, was Podolski oder auch Schürrle über unsere linke Seite ausnutzen könnten. Jetro Willems ist mit seinen erst 18 Jahren jüngster Spieler aller Zeiten bei einer Fußball-Europameisterschaft, ihm mangelt es international gehörig an Erfahrung. Mit Müller wird er am Mittwoch einen äußerst cleveren Gegenspieler haben, der sehr unangenehm zu verteidigen ist. In der Innenverteidigung kehrt mit Joris Mathijsen der nominelle Abwehrchef zurück. Er spielt neben Johnny Heitinga, beide lassen eine gewisse Antrittsschnelligkeit vermissen, sind aber robust, kopfballstark und erfahren. Der Defensivverbund der Holländer wurde von den Dänen nie wirklich unter Druck gesetzt, trotzdem erzielten sie ein Tor. Gegen Deutschland und Spieler wie Gomez, Özil oder Müller wird sich das ändern. Ob die Niederländer standhalten, wird sich zeigen.

Van Bommel und de Jong

Die Doppelsechs setzt sich aus Nigel de Jong und dem früheren Bayernkapitän Mark van Bommel zusammen. Van Bommel ist sein Alter langsam anzumerken, seine Glanzzeiten hat er definitiv hinter sich. Gegen Deutschland wird er aber aufgrund seiner Vergangenheit in München topmotiviert sein und zusammen mit de Jong versuchen, die Löcher in der Rückwärtsbewegung zu stoppen. De Jong spielt hierbei eine Spur defensiver, van Bommel attakiert früher. Im Spielaufbau ist es ebenso, erster Ballverteiler vor der Innenverteidigung ist de Jong. Ob beide Özil in den Griff bekommen, wird eine Schlüsselfrage der Partie sein.

Fazit aus deutscher Sicht

Das Spiel gegen die Holländer wird ein ganz anderes als gegen Portugal. Die „Elftal“ muss offensiv spielen und das aus zwei Gründen:

1. Sie stehen nach der Niederlage unter Zugzwang.

2. Der Kader gibt die offensive Ausrichtung quasi vor.

Für unsere Nationalmannschaft ergeben sich automatisch mehr Räume und das wird unseren Offensivkräften helfen. Sie können im Tempo bleiben und ihr Spiel aufziehen. Wichtig wird sein, dass Deutschland nicht nur schnell auf Angriff umschaltet, sondern, und das wird noch entscheidender sein, schnell auf Abwehr. Sollte Löw es schaffen, seine Truppe so einzustellen, dass die Holländer kaum Torchancen kreieren können und die Deutschen aus einer kompakten Abwehr überfallartig nach vorne spielen, wird Holland am Mittwochabend kaum mehr Möglichkeiten auf das Viertelfinale haben. Gelingt es van Persie und co. allerdings, Lücken im gegnerischen Abwehrverbund zu nutzen, wird es ein ganz harter Gang. 

Beide Teams sind gleich auf, der Spielverlauf wird einen Favoriten zeigen. Aufgrund der Ausgangslage stehen die Holländer jedoch unter größerem Druck. Ein rasantes Fußballspiel, wie meist in diesem Klassiker, ist vorprogrammiert. Am Ende hoffentlich mit Tränen aus Amsterdam!

Benjamin Götz

Rubriklistenbild: © trainingsworld.com - Benjamin Götz

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