Fußballtraining

Fußball reden oder Fußball spielen?

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So kommunizieren Sie Fußball

Wir wollen Ihnen in diesem Beitrag vorstellen, wie Sie in Ihrem Fußballtraining über Fußball reden können. Warum dies nötig ist? Nun, Fußballtraining ist weitaus mehr als Kraft, Ausdauer und Technik, denn auch der Bildungsaspekt spielt eine bedeutende Rolle.

Was haben Gesprächsphasen auf dem Trainingsplatz zu suchen?

Von außen betrachtet erscheint es geradezu absurd, den Ball mit dem Fuß – als motorisch eher unbegabtem Körperteil im Vergleich zur Hand – am Gegner vorbei im Tor unterbringen zu wollen, doch gerade darin liegt auch der besondere Reiz des Fußballspiels.(1) Die aktuelle Mitgliederstatistik des DFB zeigt, dass sich allein in Deutschland über 6 Millionen Menschen dieser Herausforderung stellen. Davon sind rund 1 Million weiblich – mit steigender Tendenz. Zusammen mit ihren Trainern versuchen diese Spieler und Spielerinnen, sich durch regelmäßiges Training so zu verbessern, dass sie im Ligaspiel sowohl auf motorischer als auch auf kognitiver Ebene die besonderen Anforderungen des Fußballspielens möglichst besser bewältigen als die gegnerische Mannschaft. Dafür setzen sie sich in den jeweiligen Spielsituationen mit einschlägigen Spielproblemen auseinander, mit dem Ziel, diese erfolgreich lösen.

Das Fußballspiel braucht also Spieler und Spielerinnen, die produktiv denken können, die Spielverständnis und Spielintelligenz besitzen.(2) Wichtige Ziele von Lernprozessen im Fußball sind – neben der Verbesserung von Technik und Taktik – demzufolge auch die Einsicht in die Strukturen des Spiels und der funktionale Einsatz von Techniken und Taktiken als Mittel zum Lösen von Spielaufgaben.(3)

Das Konzept des genetischen Lernens und Lehrens bietet einen Ansatz, der diese Ziele ins Auge fasst: „Denn wenn im Wechsel von Denken, Sprechen und Handeln Spielsituationen analysiert, neue Spielverläufe vorstrukturiert und Handlungsalternativen erwogen werden, dann werden die für gelingendes Spielen notwendigen kognitiven Muster ausgearbeitet und bewusster verfügbar“.(4)

Anhand der 3 Elemente des genetischen Lernens und Lehrens nach Wagenschein(5) soll beispielhaft dargestellt werden, wie eine Trainingseinheit gestaltet werden könnte, die dem strukturellen Ablauf des genetischen Lehrens und Lernens: „Phänomen -> Problem -> Lösung(en) -> Üben“ entspricht.(3)

 

Das exemplarische Prinzip

Das genetisch-sokratische Vorgehen wird an ausgewählten, besonders prägnanten Beispielen durchgeführt.

Man stelle sich die Spielsituation (Phänomen) 2 gegen 1 vor. Die Wahrnehmung dieser Situation ist für den Ablauf des genetischen Lernprozesses grundlegend. Deshalb beginnt der im Weiteren beschriebene Trainingsablauf mit einem komplexen Spiel (4 gegen 4 bis 6 gegen 6). Um die Aufmerksamkeit auf die 2-gegen-1-Situation zu lenken, wird mit fliegendem Torwart gespielt, so dass die angreifende Mannschaft in Überzahl spielt. Tore dürfen erst ab einer bestimmten Angriffslinie erzielt werden. Zur weiteren Fokussierung bekommen die Spieler und Spielerinnen einen Beobachtungsauftrag (Achtet auf die Situationen in Ballbesitz und was ihr dabei wahrgenommen habt).

Im Anschluss an das Spiel findet eine Reflexion in Form eines Gruppengesprächs statt. Die Spieler und Spielerinnen sollen ihre Spielerfahrungen berichten und aufgetretene Probleme benennen.

 

Das genetische Prinzip

Ausgehend von den besprochenen Spielproblemen sollen in der konkreten Spielsituation 2 gegen 1 seitens der Spieler und Spielerinnen selbsttätig Lösungen entwickelt werden; der Trainer berät gegebenenfalls, gibt aber keine fertigen Lösungen vor.

Die Spieler und Spielerinnen finden sich dazu in Vierergruppen zusammen. Sie spielen 2 gegen 1 auf ein Tor mit Torwart und sollen dabei folgende Aufgabe erfüllen:

Erarbeitet eine Lösungsmöglichkeit für diese Spielsituation. Berücksichtigt dabei folgende Fragen:

- Welche Möglichkeiten habe ich als ballbesitzender Spieler?

- Wie verhalte ich mich als Mitspieler ohne Ball?

- Wie wirkt sich das Verhalten des Abwehrspielers auf die Spielhandlungen aus?

 

Das sokratische Prinzip

Die Lösungssuche wird durch dialogische Gespräche unterstützt, der Trainer kann das Gespräch durch gezielte Fragestellungen lenken. Nach der Erarbeitungsphase kommen die Gruppen zusammen. Die erarbeiteten Lösungsvorschläge werden gesammelt und im Plenum besprochen. Wichtig dabei ist eine offene Gesprächsatmosphäre. Anhand von Leitfragen kann der Trainer den Fokus beispielsweise auf die Funktionalität und die Handlungsausführung legen: Welche Lösungen haben sich besonders bewährt und warum? Welche Schwierigkeiten sind aufgetreten und warum?

Im weiteren Trainingsverlauf dienen die von den Spielern und Spielerinnen entwickelten, erfolgreichen oder erfolgsversprechenden Lösungsmöglichkeiten als Grundlage für das Auswählen von Übungs- und Spielformen, die die jeweiligen Bewegungshandlungen optimieren sollen. Z. B.:

- den Ball mit dem Körper abschirmen und den Ball sicher abspielen

- mit Geschwindigkeit und/oder einer Täuschbewegung (Finte) am Gegenspieler vorbeiziehen

- zum ungedeckten Mitspieler passen, sich ohne Ball freilaufen und erneut als Anspielpartner anbieten (Doppelpass)

- Hinterherlaufen und dann je nach Verteidigerverhalten selbst gehen oder passen.

 

Die angeführte Trainingssequenz lässt sich in gleicher Form auf dem so erarbeiteten höheren Niveau wiederholen oder auf komplexere Situationen, wie 3:1, 3:2, 4:2 usf. erweitern. Die Vorgehensweise bleibt dabei in ihrer Struktur erhalten.

 

Fazit

In der Sportpädagogik und der Sportspieldidaktik wird das Konzept des genetischen Lehrens und Lernens als Möglichkeit gesehen, Sportspiele v. a. im Setting Schule mit z. T. sehr leistungsheterogenen Gruppen zu vermitteln und darüber hinaus Erziehungs- und Bildungsziele zu verwirklichen. Auf das Training im Verein wurde das Konzept bisher noch nicht systematisch übertragen, dennoch lassen sich Vorteile erkennen, die auch für die im Verein angestrebten Ziele dienlich sind. Durch den Wechsel von Fußball spielen und „Fußball reden“ bietet sich die Möglichkeit, das Spiel des einzelnen Spielers und der Mannschaft methodisch weiterzuentwickeln, sowie kritische und handlungsfähige Spieler, die es verstehen, Fußball zu spielen, die Spielfreude und Spielwitz ausstrahlen, zu fördern. Das trifft sowohl auf den Männer- als auch auf den Frauenfußball zu und Sie sollten als Trainer ruhig einmal ausprobieren, mit Ihrer Mannschaft zu sprechen. Gerade im Mannschaftssport kann eine Förderung der Kommunikation mitunter Wunder bewirken.

 

Kristina Kreiselmeyer

 

Literaturangaben:

1. Zöchling, W. (1992): Fußball. Linz: Trauner (Reihe Sozialwissenschaftliche Materialien, 30)

2. Sinning, S. (2010): Genetisches Lernen und Lehren – eine wahrnehmungs- und erfahrungsgeleitete Methode. In: Lange, H. & Sinning, S. (Hrsg.): Handbuch Methoden im Sport. Balingen: Spitta

3. Loibl, J. (2001): Basketball – genetisches Lehren und Lernen: spielen – erfi nden – erleben - verstehen. Schorndorf: Hofmann

4. Dietrich, K. (1984): Vermitteln Spielreihen Spielfähigkeit? In: Sportpädagogik, Bd. 8, 19–21

5. Wagenschein, M. (1991):Verstehen lehren. Weinheim und Basel: Beltz

 

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