Fußball EM

Fußball EM 2012: Team Deutschland und die „Todesgruppe“

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Eine Taktikanalyse der deutschen Fußballmannschaft zur EM 2012

Die Fußballmannschaft Deutschland in der EM 2012, das sind Schweinsteiger, Özil und co. Wie hat sich das Team seit der starken WM 2010 verändert, wo liegen die Stärken, die Schwächen und die Besonderheiten der Löw-Truppe? Welche Fragen muss das Trainerteam bis Samstag noch klären?

Unser Team

Blickt man auf die Fußball Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika zurück, so lieferte unsere Mannschaft beeindruckende Leistungen. Vergleicht man sie z. B. mit den Spaniern bei diesem Turnier, gelangen den Mannen von Jogi Löw weitaus spektakulärere Siege. Doch was zeichnete die Nationalmannschaft in den Spielen gegen England, Argentinien und co. aus, was war die Ausgangslage dieser Siege? 2010 rechneten nicht viele mit einem solch furiosen Auftreten der Deutschen. Meist standen sie tief und kompakt. Eroberten sie den Ball, ging es überfallartig über die Schnellen, Özil, Podolski oder Müller, nach vorne. Das Umschalten auf Angriff und das Konterspiel, das in Südafrika so präzise und effektiv funktionierte, war der Schlüssel für die deutschen Leistungen.

2012 ist die Ausgangslage eine ganz andere. Durch die starke WM und die makellose Qualifikation sind wir längst der Topfavorit neben den Spaniern. Zudem erhöhte sich die Qualität im Kader seit 2010 nochmals enorm. Mit Götze, Reus, Schürrle oder Bender sind hochtalentierte Spieler dazugekommen, die Jogi Löw weitaus mehr Varianten und Alternativen bieten. Die komplette Mannschaft hat in der Qualifikation ein neues Niveau erreicht. Das deutsche Spiel besteht nun nicht mehr ausschließlich aus dem Konterspiel, vielmehr ist dieses zu einer Waffe unter vielen geworden. Zumeist dominiert das Team um Lahm die Spiele, ein schnelle Ballzirkulation, Rhythmuswechsel und Unberechenbarkeit auf dem Weg zum Tor kennzeichnen die Elf. Löw und Flick haben die A-Nationalmannschaft gerade im Spiel mit dem Ball extrem weiterentwickelt. Dies zeigt auch die durchschnittliche Zeit, die ein Spieler am Ball hat. Diese sank von 2,8 auf 1,1 Sekunden, ein Indiz für die Qualität im Passspiel.

 

Das Spielsystem

Deutschland spielt im gewohnten 4-2-3-1. Die Doppelsechs und die offensive Dreierreihe steht, die anderen Mannschaftsteile versprechen noch ein bisschen Spannung.

 

Weltklasse im Tor und Löws Kopfzerbrechen in der Kette

Unsere Jungs in der Fußball-EM 2012

Mit Manuel Neuer haben wir einen der besten Keeper der Welt im Tor. Weitaus problemreicher gestaltet sich die Zusammensetzung der Viererabwehrkette. Lahm als Kapitän ist, wie er am Donnerstag bekannt gab, als Linksverteidiger gesetzt. Er ist in der Defensive auf beiden Seiten Weltklasse, offensiv könnte von ihm noch mehr kommen. Im Zentrum ist Holger Badstuber der unumstrittene Chef. Er überzeugt vor allem im Spielaufbau, sein sehr präzises, druckvolles Passspiel zeichnet ihn aus und macht ihn so in der Spieleröffnung äußerst wichtig. Die Baustellen, die noch aufgearbeitet werden müssen, betreffen die rechte Abwehrseite. Wer spielt rechts neben Badstuber? Zwei Möglichkeiten stehen dem Bundestrainer zur Wahl, Mats Hummels und Per Mertesacker. Auch auf der rechten Außenbahn herrscht ebenso Spannung: mit Jerome Boateng und Lars Bender stehen hier aber keine Spezialisten für diese Position auf dem Zettel. Das Trainerteam favorisiert innen den in der Nationalmannschaft stets überzeugenden Mertesacker, außen gibt es keine klare Tendenz.

Die Aufstellung der deutschen Mannschaft in der Fußball Europameisterschaft 2012

 

Die Doppelsechs

Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira bilden das Duo im defensiven Mittelfeld. Khedira, der sich bei Real Madrid auf höchstem Niveau durchgesetzt hat, ist ein unauffälliger Arbeiter, der aber auch einen enormen Zug zum Tor hat. Durch seine kraftvolle Spielweise und seine Schnelligkeit dringt er auch des öfteren in den gegnerischen Strafraum ein. Ebenso hat er gegen den Ball seine Stärken. Schweinsteiger dagegen ist der Taktgeber des deutschen Spiels. Er kann das Tempo erhöhen, das Spiel beruhigen oder Angriffe einleiten. Wichtig wird sein, ob er bis zum Portugalspiel seine Fitness erreicht.

 

Özil, Müller und Poldi

Mesut Özil und Thomas Müller sind in ihrem Spiel unberechenbar. Sie bringen die Kreativität in die deutschen Angriffe. Özil bewegt sich häufig zwischen den Linien und ist ein Meister des tödlichen Passes. Ruft er sein Potenzial voll ab, ist er ein großer Kandidat für die Wahl zum Spieler des Turniers. Dazu muss er aber die Phasen, in denen er sich im Spiel Pausen nimmt und untertaucht, entscheidend verkleinern. Müller schneidet häufig von außen nach innen, geht aber auch bis zur Grundlinie. Er ist immer unterwegs, setzt auch in ausweglosen Situationen nach und ist dadurch sehr torgefährlich. Das hat er schon bei der WM mit 5 Treffern gezeigt. Lukas Podolski unterscheidet sich von beiden, er ist geradliniger, sucht den Torabschluss und hat eine große Durchsetzungskraft. Allerdings arbeitet er defensiv kaum mit, lässt Lahm zu oft alleine. Bringt er, wie zuletzt auch, offensiv zu wenig Impulse, haben Löw und Flick in Andre Schürrle eine Trumpfkarte in der Hinterhand. Er übt enormen Druck auf den Noch-Kölner aus, überzeugt durch seine erfrischende Art und seine Torgefahr.

 

Klose oder Gomez?

80 Tore in den letzten beiden Spielzeiten sprechen eine deutliche Sprache, Mario Gomez ist ein absoluter Torjäger, der auch international am laufenden Band knipsen kann. Schaut man auf Miroslav Kloses Ausbeute, so traf er lediglich 32 mal im selben Zeitraum ins Schwarze. Zudem war Klose in den letzten Wochen verletzt, konnte keine Spielpraxis sammeln. Alles spricht also für Gomez. Alles? Kloses Leistungen im Trikot mit dem Adler auf der Brust sind stets auf Topniveau, Gomez steht da noch hinter ihm. Löw hat absolutes Vertrauen in Kloses Fähigkeiten, er ist ein absoluter Führungsspieler und erfüllt alle Kriterien, die der Trainerstab an die Position im Sturmzentrum anlegt. Der Römer nimmt am Spiel Teil, kombiniert hervorragend mit Özil und Müller, ist wendig, gut mit und ohne Ball. Gomez ist eher der klassische Stürmer, hat einen extremen Torriecher, nimmt sich aber oft aus dem Spiel. Dies spricht für Klose. Wird er richtig fit, ist er für Jogi Löw die bewährte Idealbesetzung. Bekommt Gomez seine Chance, muss er sie in Tore ummünzen. Nur dann kann er Klose während des Turniers verdrängen.

 

Die Bank

Mario Götze, Andre Schürrle, Toni Kroos, Marco Reus, Ilkay Gündogan sind nur einige Spieler, die auf der Bank Platz nehmen. So eine starke Auswahl hatte wohl noch kein anderer Bundestrainer. Diese Bank sucht international neben den Spaniern Ihresgleichen. Jede Einwechslung kann dem Spiel eine neue, entscheidende Richtung geben. Es ist eine wahre Freude, diese Qualität im deutschen Kader zu sehen.

 

Fazit

Kann das komplette Team sein ganzes Potenzial ausschöpfen und werden Klose und vor allem Schweinsteiger noch rechtzeitig ihre Topform finden, ist es nicht zu stoppen. Der Druck ist allerdings aufgrund der hervorragenden Entwicklung enorm hoch, die Spiele im EM-Jahr haben allesamt nicht überzeugt. Nichtsdestotrotz spricht die Qualtität für eine tolle EM. Ob der Titel am Ende herausspringt, hängt auch an Tagesform und dem nötigen Quäntchen Glück. Freuen können sich die deutschen Fans allemal.

 

Benjamin Götz

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