Fußball EM 2012 - Viertelfinale

Hellas, die griechischen Betonmischer kommen!

+
Im Viertelfinale der Fußball EM 2012 muss Deutschland gegen Griechenland antreten.

Mit den Griechen erwartet Jogi Löw und seine Elf im Viertelfinale in Danzig der Zweitplatzierte der Gruppe A. Diese werden wohl sehr defensiv gegen die favorisierte Deutsche Nationalelf antreten. Unser Experte Benjamin Götz analysiert das griechische Team und dessen taktische Möglichkeiten.

Die Griechen profitierten in der Vorrunde vom neuen Reglement der UEFA, nach dem vor dem Torverhältnis der direkte Vergleich zählt. Drei Spiele, 3:3 Tore, vier Punkte und Platz zwei hinter Tschechien, so lautet die Bilanz nach der Gruppenphase. Im Auftaktmatch trotzen sie den Polen, den hoch gehandelten Gastgebern, ein 1:1 ab und hätten gar durch einen Elfmeter gewinnen können. Giorgios Karagounis scheiterte aber vom Punkt.

Schon in dieser Partie zeigten die Griechen enormen Willen, denn sie kamen trotz des Rückstands in der 17. (Robert Lewandowski traf für die Polen) und gelb-roter Karte in der 44. Minute für Sokratis Papastathopoulos durch das Tor des eingewechselten Dimitrios Salpingidis zurück. Gegen die Tschechen agierten Santos Jungs aber enttäuschend und verloren zurecht mit 1:2. Alles sah nach dem von der Presse vorausgesagten Scheitern in der Vorrunde aus, zumal mit Russland als letztem Gegner der Favorit der Gruppe vor der Tür stand. Hier jedoch wurde die Rechnung ohne die stolzen Griechen gemacht. Mit absolutem Einsatz, Glück, Disziplin und Effizienz schaffte Hellas das Unmögliche und kegelte den Geheimfavoriten mit einem 1:0 aus dem Turnier.

 

Parallelen zum EM-Sieg 2004 in Portugal

Die Parallelen des jetzigen Turniers zur Europameisterschaft 2004 sind aus griechischer Sicht verblüffend. In Portugal bestritt das Team, damals noch von Otto „Rehakles“ Rehagel trainiert, ebenfalls das Eröffnungsspiel der EM. Ihre Gruppe A schlossen sie, man höre und staune, mit vier Punkten auf Rang zwei und vor Russland ab (jedoch mit einem Torverhältnis von 4:4) und traten dann, wie auch in diesem Jahr, im zweiten Viertelfinale als absoluter Außenseiter gegen den Sieger der Gruppe B an (damals Frankreich, das man mit 1:0 schlug). Den Rest der Geschichte kennt ganz Europa.

 

Ein Duell mit politischer Brisanz

Dass gerade jetzt, in der Zeit der griechischen und dadurch auch europäischen Krise ein Duell zwischen Griechenland und dem aus politischer Sicht vom griechischen Volk verhassten Deutschland stattfindet, birgt einigen Zündstoff. Die griechische Medienlandschaft befeuert dieses Aufeinandertreffen und stilisiert es fast schon zu einem Rachezug des bankrotten Landes gegen Angela Merkel und ihre Krisenpolitik hoch. Hier einige Schlagzeilen griechischer Zeitungen:

Goalnews "Die Bankrotten sind da! Jetzt bringt uns Frau Merkel"

Ethnos "Der Santos-Plan für Deutschland: EURO-Austritt!"

Adesmeftos Typos "Der griechische Fußball ist gesünder als die griechische Politik. Und jetzt schickt Deutschland aus der EURO."

Sportday "Die 'Panzer' sollen in die Liste der griechischen Opfer aufgenommen werden. Wir haben es schon gegen Frankreich (2004), gegen Portugal (2004) und gegen Russland (2012) geschafft. Jetzt ist es Zeit, auch gegen Deutschland zu gewinnen."

Sentragoal "Das Vertrauen der Deutschen, die 'Rache' der Griechen"

Gavros "Frau Merkel sei bereit. Du bist als Nächste dran."

 

In der Bevölkerung kocht die Stimmung, ob das aber am Freitag auf den Rasen übertragen wird, ist stark zu bezweifeln. Wenn die 22 Spieler den Platz in Danzig betreten, geht es rein um das Sportliche und das ist das Erreichen des Halbfinals. Die politische Brisanz wird auf dieses fußballerische Duell keinen Einfluss haben.

 

Die voraussichtliche Aufstellung von Coach Fernando Santos

Die wahrscheinliche Formation der Griechen gegen Deutschland

Fernando Santos wird wohl wie gegen Russland im 4-2-3-1 spielen lassen. Das System wird aber mit Sicherheit sehr defensiv interpretiert. Dass der Spielmacher und Käpitän der Mannschaft Karagounis aufgrund einer Gelbsperre fehlt, wird den Trainer schm erzen. Er ist der Leitwolf und Antreiber im Team. Wer ihn ersetzt, bleibt abzuwarten, eventuell entscheidet sich Santos für eine zusätzliche Stärkung der Defensive.

 

Das Bollwerk

Wie schon beim Titelgewinn 2004 ist die Defensive der Garant für den Erfolg in der diesjährigen Gruppenphase. Probleme gab es in den ersten beiden Spielen lediglich über die linke Abwehrseite der Griechen, da Holebas stets zu hoch stand. Dieses Problem hat Santos gegen die Russen einfach gelöst, Holebas saß auf der Bank, Tzavellas verteidigte und erledigte seine Aufgabe gut. Er wird auch gegen Deutschland beginnen. Katsouranis und Maniatis auf der Doppelsechs sind solide Arbeiter, die die Kreise von Özil einengen sollen. Insgesamt spielen die Griechen sehr diszipliniert in der eigenen Hälfte gegen den Ball, unangenehm für jeden Gegner.

 

Effizienz, Kampfkraft und Teamgeist

Über die offensiven Außen, die sich jedoch ebenfalls gegen den Ball ins Defensivkonzept einordnen, spielen mit Salpingidis und Samaras torgefährliche Spieler. Salpingidis traf im Eröffnungsspiel nach tollem Sprint gegen die Polen zum 1:1. Schon im gesamten Turnier benötigte Griechenland wenige Chancen um seine Tore zu erzielen, nehmen wir mal den verschossenen Elfmeter gegen Polen heraus. Auch Löw hat schon erkannt, dass die Mannen von Santos sehr effizient und gnadenlos vor dem Tor auftauchen. Zudem sind die Willenskraft und der enorme Teamgeist der Mannschaft herauszustellen, teilweise wächst sie dadurch über sich hinaus.

 

Reicht das aus?

Beton in der Abwehr, Wille und Kampfgeist, ein verschworener Haufen, eiskalt vor dem Tor, all diese Eigenschaften vereint die griechische Mannschaft in sich. Aber reicht das, um Deutschland, neben Spanien der Topfavorit auf den Titel, aus dem Wettbewerb zu kegeln? Klare Defizite haben die Griechen im Ballbesitz. So fehlen ihnen zumeist die Ideen, oft wirken gelungene Angriffe wie zufällig entstanden. Ein Kreativspieler ist nicht zu sehen. Deshalb auch spielen sie sich wenige Torchancen heraus. Nutzen sie diese einmal nicht so effizient, wie zum Beispiel gegen die Tschechen, wird es ganz schwer weiterzukommen.

 

Fazit aus deutscher Sicht

Deutschland geht als klarer Favorit in dieses Viertelfinale. Erreichen sie annähernd Normalform, entwickeln sie Ideen gegen das griechische Bollwerk und kreieren Torchancen, so sollten sich Jogis Jungs klar durchsetzen. Von Özil fordert der Bundestrainer eine Leistungssteigerung, schafft er das am Freitag, wird es auch für die griechische Defensivmaschine schwer, ihn zu bändigen. Ob Löw Boateng oder Bender aufstellt, ist noch offen, im Sturm wird er weiterhin auf Gomez setzen. Podolski hat sich durch sein Tor gegen die Dänen wohl gerade noch so in der Stammformaton gehalten.

Die Griechen werden alles in die Waagschale werfen, um eine erneute Sensation zu schaffen. Deutschland ist aber in allen Belangen zu stark, der Hunger nach Erfolg ist riesig, die Griechen werden uns nicht stoppen.

Benjamin Götz

Auch interessant

Kommentare