Fußball EM 2012 - Halbfinale: 

Auf geht`s Jungs! Beendet die schwarze Serie!

Die DFB-Jungs wollen mit einem Sieg gegen Angstgegner Italien den Traum vom Titel weiter träumen.  Sieben WM- und EM-Duelle fanden bisher zwischen den beiden Fußballnationen statt. Benjamin Götz analysiert die Taktik der Italiener und wie die Deutsche Nationalelf sie schlagen kann.

Die sieben Duell hatten es zumeist in sich. Zwei Aufeinandertreffen in Halbfinals und eine Finalbegegnung waren darunter. Das letzte Kapitel, ein noch allzu bekanntes, bittere aus im eigenen Land, in Dortmund, 0:2, das Sommermärchen war jäh geendet. Und auch auf die anderen sechs Partien lässt sich aus deutscher Sicht nicht überaus erfreulich zurückblicken. Die Bilanz ist mehr als ernüchternd, gerade einmal drei Unentschieden sprangen heraus, alle k.o.-Begegnungen wurden verloren. Eine schwarze Serie, die Italien zum Angstgegner bei großen Turnieren werden lässt. Und nun stehen sie uns schon wieder im Weg, abermals in einem k.o.-Spiel, abermals in einem Halbfinale.

Die voraussichtlichen Aufstellungen.

Deutschland gegen Italien, der Klassiker wird also neu aufgelegt. Doch die Neuauflage hat weniger zu tun mit den Vorgängerpartien als man denkt. In beiden Lagern hat sich enorm viel geändert, weiterentwickelt und gewandelt. Das Halbfinalduell von 2006 wird es so nicht mehr geben, beide Teams zeigen ein anderes, neues und eigenes Gesicht. Wir beleuchten die zentralen Bereiche beider Nationalmannschaften und zeigen, wie der Angstgegner seinen Schrecken am Donnerstagabend verlieren wird. Auf geht`s Jungs! Beendet die schwarze Serie!

Prandelli – Revoluzzer an der Seitenlinie

Cesare Prandelli, der Signore aus der Lombardei, der zweimalige Trainer des Jahres in Italien, er krempelt den italienischen Fußball komplett um. Aus dem langweiligen und auf Sicherheit beruhenden, typisch italienischen Catenaccio wurde Angriffsfußball vom Feinsten. Gegen England ließ Prandelli 120 Minuten angreifen, er ist mutig und überträgt dies auf sein Team. Das hat schon bei der Fiorentina funktioniert, der Trainerfuchs führte den Verein in die Champions League, dort scheiterten sie erst am FC Bayern (also an einem deutschen Team!). Seine Erfolge fußen auf seiner Akribie und seiner perfekten Vorbereitung auf die Gegner. Taktisch ist er mit allen Wassern gewaschen, fand mit seiner Fünferkette und de Rossi als „Libero“ unlängst ein Mittel gegen die Spanier. Jetzt steht er vor einer neuen Herausforderung: Deutschland und der unberechenbare Jogi Löw. Mal sehen, welches Gesicht der Calcio Italiano heute Abend zeigt.

Pirlo: „DFB-Team hat Angst vor uns!“

Er ist der Denker und Lenker der Azzurri, der verlängerte Arm von Prandelli auf dem Platz. Und er ist mit seinen 33 Jahren in absoluter Topform. Er dirigiert das Offensivspiel der Südländer, beruhigt das Spiel, indem er das Tempo herausnimmt und das Spiel in die Breite zieht. Ist der richtige Zeitpunkt gekommen, leitet er die gefährlichen Angriffe präzise ein. Er hat die Ideen, ist der Kreativchef der Italiener. Aber auch gegen den Ball ist Pirlo neben de Rossi einer der Wichtigsten. Er spielt sozusagen als Libero vor der Viererabwehrkette, kann sein Mittelfeld von dort aus extrem gut steuern. Er kommuniziert unheimlich viel, auch deshalb spielt die Azzurri so geschlossen in der Defensive. Andrea Pirlo ist gefährlich, auch weil er aus der Tiefe kommt und sich somit eines direkten Gegnerdrucks entzieht. Angst jedoch, wie er meint, haben Jogis Jungs mit Sicherheit nicht, der nötige Respekt ist da - aber auf beiden Seiten!

Balotelli und Cassano

Das Enfant Terrible und sein kongenialer Partner, beide sind enorm schwierige Charaktere und beide überaus talentierte Virtuosen am Ball. Extrem schnell, abschlussstark, technisch ohne Schwächen, Italien hat einen extrem gefährlichen und hungrigen Sturm. Prandelli hat sie gezähmt, sie ins Team integriert, sie machen das italienische Offensivspiel unausrechenbarer. Für Badstuber und Hummels könnte es ein arbeitsreicher Donnerstagabend werden. Das einzige Manko, aus fußballerischer Sicht, ist die Rückwärtsbewegung. Balotelli und Cassona tauchen nicht sehr gerne in der eigenen Hälfte auf. Das könnte gegen Deutschland zum Problem werden. 

Riccardo Montolivo – Il Tedesco

Ein besonderes Aufeinandertreffen für einen Jungen, der seine Kindheit in Schleswig-Holstein verbrachte und großer Fan der DFB-Elf war. Riccardo Montolivo hat eine deutsche Mutter und spielt mit dem deutschen und dem italienischen Wappen auf seinen Schuhen. Doch heute ist das alles vergessen, heute Abend zählt für ihn nur seine italienische Seite. 

Löw – der Unberechenbare

Spätestens mit seiner Aufstellung gegen die Griechen im EM-Viertelfinale hat Jogi Löw die komplette Fußballwelt überrascht. Drei Siege in drei Gruppenspielen und auf einmal baut das deutsche Trainergespann die komplette Offensive um. Mut, der belohnt wurde. Seit diesem Spiel ist Deutschland für seine Gegner noch unberechenbarer, schöpft seine fantastischen Möglichkeiten im Kader aus und das dank Jogi Löw. Er hat ebenso wie Prandelli den Mut, neues zu probieren, er hat aber auch das absolute Vertrauen in jeden einzelnen seiner Jungs. Und das geben sie ihrem Chef mit Leistung auf dem Platz zurück. Löw gibt Selbstvertrauen und strahlt eine Ruhe und Sicherheit aus. Er geht voran, er zweifelt keine Sekunde am Erfolg. Sein Team folgt ihm.

Die deutsche Offensivabteilung

Mario Gomez, Miroslav Klose, Thomas Müller, Marco Reus, Lukas Podolski, Andre Schürrle, Mesut Özil und Mario Götze, das ist die Liste der Spieler, die jedem Gegner Knoten in die Beine spielen können. Wer aber letztendlich heute aufläuft, wer später kommt und wer auf der Bank bleibt, das entscheiden Löw und Flick. Acht überragende Offensivspieler, aber auch acht grundverschiedene Offensivspieler und genau das macht es den Gegner schwierig, sich auf die deutsche Angriffsformation einzustellen. Italien muss dies heute meistern, sonst heißt es Abschied nehmen.

Schweinsteiger und Khedira

Die deutsche Doppelsechs ist das Herz des Teams. Zwei Leader stehen hier auf dem Platz, zwei, die so wichtig sind für das deutsche Spiel. Einer von beiden spielt bisher ein überragendes Turnier, der andere plagt sich angeschlagen über den Platz und hat seine Topform noch nicht erreicht. Ersterer ist Khedira, er arbeitet viel, ist immer präsent und auch torgefährlich. Was er in einem Spiel wegläuft, ist beachtenswert. Bisher ist er einer der Spieler des Turniers. Bastian Schweinsteiger, laut Löw der „aggressive leader“, läuft seiner Form noch hinterher. Aus DFB-Kreisen ist jedoch zu hören, dass er rechtzeitig zum Klassiker gegen die Azzurri fit wird. Zeigen beide heute in Warschau, was sie drauf haben, wird es fast unmöglich, die deutsche Elf zu besiegen.

Die voraussichtlichen Startformationen

Wer in der deutsche Offensive aufläuft, darüber kann noch kräftig spekuliert werden. Die deutsche Medienlandschaft sieht momentan Klose und Podolski in der Startelf, wer rechts aufläuft, ist ungewiss. Die Viererkette steht, auch Schweinsteiger und Khedira werden spielen. Die Italiener haben keinen Grund, ihre Englandformation zu ändern. Cassano und Balotelli werden stürmen, Montolivo, de Rossi, Marchioso und Pirlo versuchen, dem Spiel ihren Stempel aufzudrücken. Ob Prandelli allerdings so offensiv spielen lässt, wie gegen die Inselbewohner (die Engländer), darf kräftig bezweifelt werden. Der Respekt vor den Deutschen dürfte zu groß sein.

Fazit aus deutscher Sicht

Bringen alle deutschen Spieler ihre Leistung und schaffen sie es, offensiv wie gegen die Griechen kreativ und ideenreich zu spielen, werden sie sich gegen eine nicht ganz sattelfeste italienische Defensive Chancen erspielen. Werden diese, anders als gegen die Griechen, konsequent genutzt, hat Italien wenig entgegenzusetzen. Gefahr geht von Prandellis Mannen dennoch aus, Italien ist wie die Deutschen eine Turniermannschaft und hat sich im Laufe des Turniers stets gesteigert. Ein spannendes Duell steht bevor. Die Chancen, die schwarze Serie endlich zu beenden, standen allerdings nie so gut. Außerdem will man das Duell mit den Spaniern im Finale unbedingt. Wir sind endlich wieder reif für einen Titel, also auf geht`s Jungs, beendet die schwarze Serie und zieht ins Finale ein! Wir wollen nach Kiew!

Benjamin Götz

Rubriklistenbild: © trainingsworld.com - Benjamin Götz

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