Physiologie

Sportliche Leistungsfähigkeit im Entwicklungsprozess der weiblichen Pubertät

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Die Entwicklung von Leistung, Psyche und Körper von Sportlerinnen in Kindheit und Pubertät bedarf dauernder Aufmerksamkeit durch den Trainer

Jugendliche Sportlerinnen und Sportler haben noch viel Zeit, um sich in ihren sportlichen Leistungen zu entfalten und diese Zeit sollen sie sich auch nehmen. Denn besonders die Pubertät der Mädchen steckt voller Tücken und braucht besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge der Trainer und Eltern.

Wie die letzten Olympischen Spiele gezeigt haben, befinden sich viele Jugendliche in den Kadern und sind somit die sportlichen Hoffnungen eines Landes - sei es im Turnen, Schwimmen oder in der Leichtathletik. Jeder unterstützt sie, jeder bangt mit ihnen und am Ende reicht es vielleicht sogar für eine Medaille. Aber seien wir doch ehrlich, Sportlerinnen und Sportler in jungen Jahren haben noch viel Zeit, um sich in ihren sportlichen Leistungen zu entfalten, und diese Zeit sollen sie sich unbedingt nehmen. Denn gerade die weibliche Entwicklung in den Mädchenjahren steckt voller Tücken und braucht deswegen besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge der Trainer und Eltern.

 

Gut Ding will Weile haben

„Gut Ding will Weile haben“ lautet das alte Sprichwort, das unsere Großeltern sehr gern benutzen. Und damit haben sie Recht. Denn von der Natur ist dieses Prinzip vorgegeben, nur der Mensch möchte sich manchmal darüber hinwegsetzen.

Der Entwicklungsprozess eines Mädchens hin zu einer jungen Frau dauert ca. 10 Jahre. Dieser Prozess beginnt mit etwa 8 Jahren und endet in der Regel mit 18 Jahren. In dieser Periode der Geschlechtsreifung/Pubertät passieren viele wichtige hormonelle, physiologische und psychologische Entwicklungsprozesse, die durch externe Faktoren nicht gestört werden sollten.

Aus der physiologischen und somit sportlichen Sicht gehören dazu:

- Beendigung des Längenwachstums

- Verknöcherung der Wachstumszonen in den Röhrenknochen

- Verteilung des Fettgewebes nach dem weiblichen Typ

 

Die Talentsichtung für Spitzensportarten erfolgt bereits im Kindesalter, was unbedingt notwendig ist, um nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche an die entsprechenden Belastungen anzupassen. Nichtsdestotrotz sollte man besonders bei Mädchen den Reifungsprozess nicht außer Acht lassen. Denn die leistungsstarken Phasen sind altersabhängig und bei richtiger Steuerung kann man vielleicht sogar eine Medaille gewinnen.

Ein kleiner Rückblick auf die Olympischen Spiele 2012 in London:

- Missy Franklin WR über 200 m Rückenschwimmen (17 Jahre alt)

- Ye Shiwen WR über 400 m Freistilschwimmen (16 Jahre alt)

- Aliya Mustafina Bronze im Turnen (17 Jahre alt)

- Gabrielle Douglas Gold im Turnen (16 Jahre alt)

- McKayla Maroney Silber im Turnen (16 Jahre alt)

 

Besonders in den Schwimmdisziplinen fragt man sich, wie man ausgerechnet in solch jungen Jahren einen Weltrekord aufstellen kann, wo doch die menschlichen Leistungsgrenzen scheinbar schon erreicht wurden. Vielleicht lässt sich eine Antwort in der körperlichen Entwicklung dieser Mädchen feststellen?

 

Wie schaut die hormonelle Situation in der Pubertät aus?

Die Hormonsekretion der Nebennierenrinde und die der Eierstöcke werden mit ca. 7 und 10 Jahren aktiviert. Aus diesem Grund erfahren die Mädchen bis zum 14. Lebensjahr einen „Wachstumssprung“, während dem sie 7 bis 10 cm pro Jahr wachsen. In dieser Periode reifen die Knochen heran und die vorher weichen und sensiblen Wachstumszonen verknöchern.

Der „Wachstumssprung“ beginnt allerdings erst mit einem Körperfettanteil von 16 Prozent der Körpermasse und der Einsatz der Menarche erst mit 22 Prozent. Wird dagegen der Körperfettanteil absichtlich unten gehalten (> 15 Prozent), wie es oft in der Rhythmischen Sportgymnastik und in der Leichtathletik bei Sprüngen oder Läufen zu beobachten ist, droht die Gefahr des Menstruationsabbruchs – eine so genannte sekundäre Amenorrhoe. Dies verzögert die Geschlechtsreifung und kann bei zu langem Missbrauch gravierende Folgen auf den Hormonhaushalt und auf die körperliche Entwicklung haben.

Ist der Körperfettanteil des Mädchens dagegen zu hoch, ist der Reifungsbeginn bei 11-jährigen Mädchen doppelt so intensiv im Vergleich zu optimal gewichtigen Mädchen. Dies hat man in einer Studie an 560 gesunden Mädchen im Alter zwischen 11 und 16 Jahren festgestellt, unter denen 22 % Übergewicht und 20 % Untergewicht hatten. Als Merkmal des Reifungsbeginns wurde die Brustentwicklung heran gezogen. Mit anderen Worten: Ein zu hoher Fettanteil kann die sportliche Leistung einer Jugendlichen negativ beeinflussen und sie körperlich gesehen zu früh zu einer Frau heranreifen lassen, obwohl die psychische und die emotionale Entwicklung hinterher bleibt.

 

Kalendarisches und biologisches Alter

Das kalendarische und das biologische Alter stimmen in der Regel nicht miteinander überein. Das biologische Alter ist jedoch das wichtigere, denn dadurch wird die physische und psychische Reaktivität bestimmt. In der Talentsuche wird dennoch nach dem kalendarischen Alter verfahren. Das biologische Alter wird unter anderem anhand von Gebissreife, der Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale und der Skelettreife (Verknöcherung der Handwurzel und der Finger) bestimmt.

Zieht man die Mädchen zu früh in einen Leistungskader, können physiologische Besonderheiten auftreten, die sich in verringerter Ausdauer bei körperlichen Leistungen und einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber psychischen Faktoren äußern. Wenn man eine körperliche und geschlechtliche Beschleunigung der Reifung provoziert, wurden bei solchen Mädchen ein höherer Blutdruck und funktionelle Störungen der inneren Organe festgestellt. Die Störungen des Stütz- und Bewegungsapparats äußern sich meist in der Entwicklung einer Skoliose, eines Senkfußes oder einer Osteochondrose.  An dieser Stelle sind nun nicht nur die guten, sondern auch die einfühlsamen Trainer gefragt.

Infolge von durch das körperliche Training ausgelösten stressigen Situationen und übermäßigen körperlichen Belastungen kann sich die Geschlechtsreifung verzögern. Man spricht davon wenn mit 15 oder 16 Jahren immer noch keine Menstruation einsetzt. Dadurch wird nicht nur die Entwicklung verzögert, die Fitness geschädigt, sondern auch die körperliche Leistungsfähigkeit verringert.

 

Aerobe Prozesse

Das Volumen der Lunge und des Brustkorbs und die Kraft der Atemhilfsmuskulatur nehmen im Laufe der Entwicklung stetig zu. Mit 14 Jahren beträgt das Gesamtvolumen der Lunge 3/4 des Wertes Erwachsener. Mit 17 und 18 Jahren entsprechen die Werte denen Erwachsener. Die Lungenventilation entspricht bei 14- bis 15-Jährigen dem Wert untrainierter Frauen. Die Herzfrequenz nähert sich mit 16 Jahren dem Erwachsenenwert an. Das Herzschlagvolumen nähert sich mit 16-17 Jahren dem Wert eines Erwachsenen an.

Anhand dieser physiologischen Entwicklungen kann man sich erklären, warum die jungen Schwimmerinnen in London so gut in Form waren.

 

Konditionelle Fähigkeiten

Bewegungsaktivität und konditionelle Fähigkeiten sind bekanntermaßen eng mit dem Grad der biologischen Reife verbunden. Besonders gilt dies für die Kraft und die Ausdauer. (Pilates – ein Training auch für Leistungssportler?)

Relativ gesehen haben die Mädchen zwischen dem 10. und 12. Lebensjahr den größten Kraftzuwachs. In dieser Zeit werden sie ausdauernder sowohl im dynamischen als auch im statischen Sinne. Zum 14. Lebensjahr beträgt die Muskelausdauer der weiblichen Jugendlichen 50-70 %, zum 16. Lebensjahr ca. 80 % der Werte erwachsener Frauen.

Koordinative Fähigkeiten und die Schnelligkeit der Bewegungsausführung nimmt relativ am stärksten mit 7-10 Jahren zu. Dies ist ein optimales Alter, um besonders koordinativ anspruchsvolle Sportarten wie Turnen und Rhythmische Sportgymnastik zu erlernen. Mit 10 bis 12 Jahren stabilisieren sich diese Fähigkeiten und mit 17 erreichen die Merkmale der Bewegungsorientierung die Werte von Erwachsenen. Dies ist einer der Gründe warum die jungen Turnmädchen ihren Leistungspeak bis zum 20. Lebensjahr erleben.

 

Fazit

In der Trainingssteuerung bei jugendlichen Mädchen sollte der Trainer das biologische Alter heranziehen. Denn der Übergang vom Kind zum Jugendlichen ist eine der wichtigsten Phasen im Leben eines Menschen. In dieser Phase ist der Trainer nicht nur für die sportlichen Erfolge verantwortlich, sondern er stellt eine der größten Autoritäten im persönlichen Leben einer jungen Sportlerin dar.

 

Marina Lewun

 

Literatur

1. Schaklhlina; Litisevitch (2012): Die Geschlechtsreifung von Mädchen und deren Rolle in der sportlichen Vorbereitung von Frauen. Leistungssport 4 (42), S. 14-17

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