Kettlebell-Training mit Pavel Tsatsouline 

Wie die russische Kettlebell nach Amerika kam

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Effektives Trainingsgerät: die Kettlebell.

Nicht umsonst gilt Pavel Tsatsouline als "moderner König der Kettlebells". Schließlich war er es, der das Trainingsgerät in den USA erneut populär gemacht hat. Hier beschreibt er, wie es dazu kam und was er dabei erlebte.

Auch die amerikanischen Schwerathleten von anno dazumal wussten von den Vorzügen der Kettlebells. Sie können ein Paar im "Trainingskerker" eines der größten Gewichtheber aller Zeiten bewundern, Bob Peoples, eines Landwirts aus Tennessee, der bei einem Körpergewicht von 90 Kilogramm über 315 kg stemmen konnte – und das, bevor Steroide und andere Mittelchen in Mode kamen. Auch Sig Klein war ein großer Befürworter von Kettlebells. Einmal kaufte ich zwei amerikanische Kettlebells aus dem Jahr 1917 (sie sehen aus wie kleine Kugelgrills) einem 70-jährigen Bekannten ab, der – einmal Gewichtheber, immer Gewichtheber – nach wie vor imstande ist, Rumpfbeugen mit 180 kg Zusatzgewicht auszuführen. 

Dann brach in den USA der Wohlstand aus, und das Land vergaß seine harten, beschwerlichen Anfangsjahre. Die Kettlebell erlitt dasselbe Schicksal wie die kalifornischen Goldgräber und die Revolverhelden des Wilden Westens, und ohne meinen guten Freund Marty Gallagher, den ehemaligen Trainer des amerikanischen Kraftdreikampfteams, wären sie endgültig in Vergessenheit geraten. 

Wen würde so etwas überhaupt interessieren?

Marty und ich aßen eines schönen Tages in seinem Garten Steaks. Wir tauschten alte Kriegsanekdoten aus und machten uns dabei genüsslich über das köstliche Rindfleisch her. Marty erzählte mir von Ed Coan, Kirk Karwoski und anderen Champions, die er trainiert hatte, und ich berichtete ihm von den Kettlebells. 

Gallagher kaute nachdenklich auf seinem Steak herum und fragte dann: "Warum schreibst du nicht einen Beitrag für MILO?" MILO ist eine Zeitschrift für die verrückten Kerle, die Nägel verbiegen und Felsbrocken spazieren tragen. 

Ich erwiderte: "Marty, du kapierst es wohl nicht. Das ist das härteste Workout, das du dir vorstellen kannst, wen würde so etwas überhaupt interessieren?" Zuvor hatte ich den Fehler begangen und Marty erklärt, was ein russischer slur ist, ein "Kollektivbauer". Nun bezeichnete er mich als einen solchen und meinte, ich würde die Amerikaner nicht verstehen. 

Wodka, Gurkensaft, Kettlebell-Training

Mein Artikel, der den provokanten Titel Wodka, Pickle Juice, Kettlebell Lifting, and Other Russian Pastimes ("Wodka, Gurkensaft, Kettlebell-Training und andere russische Zeitvertreibe") trug, erschien 1998 und kam in den einschlägigen Fachkreisen selbst bei den härtesten Kritikern überraschend gut an. Und prompt erhielt ich jede Menge Zuschriften von zwielichtigen Gestalten mit eingeschlagenen Nasen, Blumenkohlohren oder Hells-Angels-Tätowierungen. Ich war verblüfft und erzählte meinem guten Freund und Verleger John Du Cane davon. Er dachte kurz nach und sagte: "Probieren wir’s! Ich stelle die Kettlebells her, und du bringst den Leuten bei, wie man sie benutzt." 

Hinter Johns zurückhaltendem, gebildetem Äußeren steckt echter amerikanischer Pioniergeist. John ist ein Brite mit Cambridge-Abschluss, der in Afrika aufwuchs und später von England – über Pakistan und Afghanistan – nach Indien gereist war, wo er einige Jahre in einer Yoga-Gemeinde lebte. In den USA gründete er schließlich einen Verlag namens Dragon Door, jobbte aber gleichzeitig als Chauffeur, um über die Runden zu kommen. Sein junges, aufstrebendes Unternehmen forderte seine ungeteilte Aufmerksamkeit, und John konnte es sich nicht leisten, seine Zeit mit so "unwichtigen" Dingen wie Schlaf zu vergeuden. Du Cane schlief in der Limousine seines Arbeitgebers, während er auf seine Kunden wartete, und nutzte jede freie Minute, um seinen amerikanischen Traum wahr werden zu lassen. 

2001 - der Siegeszug der Kettlebell

Als sich diesem zähen, geschäftstüchtigen Mann eine neue Gelegenheit bot, riskierte er alles, was er in den harten Jahren zuvor als Verleger erreicht hatte, und beschloss, sein Geld zu investieren, um russische Kettlebells herzustellen und zu vertreiben. Im Nachhinein weiß man immer alles besser, und heute ist es offensichtlich, dass Kettlebells sich erfolgreich durchgesetzt haben. Aber damals war das eben noch nicht absehbar. "Eine Kanonenkugel mit Griff? Bist du völlig übergeschnappt?", war noch einer der wohlwollenderen Kommentare, die Du Cane seinerzeit zu hören bekam. 

2001 trat die Kettlebell dann ihren Siegeszug an. Dragon Door brachte in den USA das Buch The Russian Kettlebell Challenge auf den Markt und stellte die erste gusseiserne Kettlebell nach russischer Art her. Im ersten Jahr startete auch RKC durch, die erste Kettlebell-Instruktoren-Ausbildung auf amerikanischem Boden. Wenn man den rauen Ruf der Kettlebell bedenkt, ist es nicht weiter verwunderlich, dass meine ersten Schüler aussahen, als wären sie Teil eines Zeugenschutzprogramms. 

Bis heute werde ich oft gefragt, ob Steve Maxwell und ich Brüder seien. Steve, ich kann dich wirklich gut leiden, aber ich fasse das nicht als Kompliment auf – weder für dich noch für mich. Die Zeiten ändern sich. Solche toughen Genossen bleiben zwar weiterhin der harte Kern unserer "Partei", doch jetzt müssen sie sich die russische Kettlebell wohl oder übel mit Hollywoodstars und anderen eher untypischen Kettlebellern teilen. Viele haben die Nase voll von dem unmännlichen Wellnesstrend, der seit geraumer Zeit in der Fitnessbranche um sich greift, und kehren zu den Wurzeln zurück. 2002 schaffte es unsere russische Kettlebell als Fitnessentdeckung des Jahres in die Hitliste des Rolling Stone Magazine. 2004 sagte Dr. Randall Strossen, eine Koryphäe des Kraftsports: "In unseren Augen wird Pavel Tsatsouline immer als moderner König der Kettlebells herrschen, weil er sie in einem solchen Maße populär gemacht hat, dass man mit seinen Anhängern mittlerweile ein ganzes Land bevölkern könnte ..."

Pavel Tsatsouline

 

Quelle 

Pavel Tsatsouline: "Kettlebell-Training - Das Fitnessgeheimnis der russischen Spezialeinheiten", Riva Verlag 2012

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