Schulsport

„Motorische Tests“ im Sportunterricht

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Werden Kinder motorisch schlechter oder müssen neue Tests her?

Das Durchführen von Motorischen Tests im Sportunterricht ist weit verbreitet. Hier sollen die durchgeführten Tests aus funktionaler Sicht betrachtet werden. Speziell geht es um den Deutschen Motorik Test (DMT 6-18).

In den Medien wird oftmals über die nachlassende Leistungsfähigkeit und Beweglichkeit der Kinder gemutmaßt. Ungeachtet der methodischen Probleme solcher Analysen und vorhandenen gegenteiligen Befunden.(1) Es gibt Autoren, die in der breiten Berichterstattung eine soziale Konstruktion einer Krise sehen, da die empirischen Befunde keineswegs so eindeutig sind, wie es oftmals in den Medien dargestellt wird.(2)

 

Was leisten Motorische Tests?

Das Thema motorische Tests zur Feststellung dessen, was Kinder heutzutage können oder auch nicht, ist weit verbreitet. Ging es anfänglich noch darum Defizite heutiger Kinder im Vergleich zu früher darzustellen, hat sich die Darstellung inzwischen weiter verbreitert. Motorische Tests sollen den IST-Zustand der sportlichen Leistungsfähigkeit feststellen und die Grundlage bilden für

- eine gezielte Ausrichtung des Sportunterrichtes

- gesundheitliche Aspekte und Defizite erkennen

- sportliche Talente identifizieren

 

Insbesondere der letzte Punkt ist jedoch als sehr fragwürdig einzuschätzen. Aufgrund eines Erfassungsprofils bei einem Sportmotorischen Test lassen sich keine statistisch gesicherten Empfehlungen für die Eignung an einer Sportart ableiten. Aber auch die Aussagen zur Leistungsfähigkeit von Kindern auf der Basis der Tests sind von geringem praktischem Wert. Insbesondere das geänderte Freizeitverhalten von Kindern heute lässt einen Vergleich mit Alterskohorten früherer Tage nur schwer zu. Aus diesem Grund müssen die Testübungen des DMT 6-18 grundlegend hinterfragt werden.

 

1. Übung: Der 6 Minuten-Lauf

Bei einem Lauf über 6 Minuten wird die zurückgelegte Strecke erfasst. Ob ein solcher Test wirklich das Ausdauerniveau abbilden kann, ist fraglich. Der Komplexität der Ausdauerleistung wird ein solcher Test nicht gerecht. Gerade bei Kindern stellt sich hier eher die Frage, inwiefern Faktoren wie „Motivation zur Ausbelastung in 6 Minuten“ und weniger die Ausdauer erfasst werden. Letztendlich wird so das taktische Vermögen, die Leistung über 6 Minuten einteilen zu können, erfasst. Klar ist: über die Ausdauerleistungsfähigkeit lässt ein Lauf über 6 Minuten lediglich Spekulationen zu. Möchte man Aussagen zum Schulsport treffen, sind einmalige Ausdauertests ohnehin zu hinterfragen. Anpassungen an Ausdauertraining sind über eine Schulstunde pro Woche wohl kaum zu erzielen.

 

2. Übung: Der Standweitsprung

Der Standweitsprung ist grundsätzlich ein Instrument, das durchaus Rückschlüsse auf die Schnellkraftfähigkeit zulässt. Allerdings ist das Durchführen im DMT 6-18 nicht standardisiert, sodass letztendlich die Sprungtechnik der Schüler erfasst wird und nicht die Leistungsfähigkeit der Muskulatur. Im Schulunterricht sollte zudem nicht das Vorbereiten auf einen Test eine Rolle spielen. Das Realisieren von Bewegungsabläufen und Techniken sollte hier im Vordergrund stehen. Neben der Bewegungskoordination sollte etwas Vorzeigbares erlernt werden – muskuläre Entwicklungen sollten nicht im Fokus des Schulsportes stehen.

 

3. Übung: Sit-ups

Die Testübung besteht aus einer Kreuzung aus Sit-up und Crunch.

 

Für einen Crunch spricht:

- Anwinkeln der Beine

 

Für einen Sit-up spricht:

- Fixieren der unteren Extremitäten

- Anheben bis zum Berühren der Knie

- Abheben im unteren Lendenbereich

 

Wenn Sie in der Hüfte beugen, kann dies letztlich nur durch die Hüftbeugemuskulatur geschehen. Also durch Muskeln, die das Hüftgelenk überspannen. Beschränken wir uns in der kurzen Betrachtung auf den m. iliopsoas als stärksten Hüftbeuger. Die Bauchmuskulatur fungiert als Hilfsmuskel, indem sie durch Anspannung den Innendruck im Bauchraum erhöht und dadurch die Lendenwirbelsäule stabilisiert, als Ursprungsbereich des m. psoas, damit dieser der Funktion Beugung in der Hüfte, zusammen mit dem m. iliacus, nachkommen kann. Die Bauchmuskulatur trägt neben einigen anderen Funktionen, auch durch den unteren Teil des rectus abdominis zur Beckenkippung bei.

Erst durch das Fixieren der Füße wird die schwache Bauchmuskulatur übergangen. Bei dieser Testübung kann es zu einer Überlastung von Strukturen kommen, wenn die Bauchmuskulatur zu schwach ist, um die Lendenwirbelsäule zu stabilisieren. Fraglich ist, wie hier die Zeitvorgabe von 40 Sekunden zustande kommt. Zunächst einmal scheint das Auswählen eines Zeitfixums als reine Willkür, da nicht klar wird, inwiefern hier ein Zusammenhang zur Alltagsbelastung oder zu präventiv essentiellen Kraftparametern bestehen könnte. Insbesondere bei kleinen Kindern ist aufgrund der Proportion des Kopfes und der damit verbundenen er

höhten Last am Ende des Lastarms die Vergleichbarkeit fraglich.

 

4. Übung: Der Liegestütz

Leistungsvoraussetzung für das korrekte Ausführen des Liegestützes ist die Spannung des Rumpfes. Dabei dürfte allein der Hinweis des Lehrers während eines Tests den Körper gestreckt zu halten, nicht umsetzbar sein, wenn Bewegungserfahrung fehlt. Auch die erneute zeitliche Referenz von 40 Sekunden ist im Zusammenhang mit einer Übung, die „Kraft“ erfassen soll zu hinterfragen. Wenn sie in der Lage sind eine Wiederholung der optimalen Ausführung richtig zu machen, ist es letztlich eine Frage des Übens bzw. der Sinnhaftigkeit, wie viele Liegestütze Sie machen wollen. Bei der Komplexität der erforderlichen neurophysiologischen Voraussetzungen fällt es schwer, hier noch von Fähigkeit zu sprechen.

Es ist ein sinnvolles Ziel, den Bewegungsablauf Liegestütz zu erarbeiten. Dies kann und sollte schon in der Grundschule angegangen werden. Je nach Voraussetzung finden sich für jeden Schüler passende und motivierende Aufgabenstellungen, verbunden mit dem Gefühl etwas geschafft zu haben.

 

5. Übung: 20m Sprint

Schnell laufen gehört ebenso wie ausdauerndes Laufen oder weit Springen zum Schulsport. Richtig vermittelt, kann das Messen der Zeit die Motivation steigern. Bezogen auf die Testübung und Aussagen zur Fitness der Kinder, gibt es jedoch messtechnische Probleme. Aufgrund der kurzen Strecke und Reaktionszeiten ergeben sich Ungenauigkeiten ebenso wie durch das Stoppen per Hand. Dies hat zur Folge, dass es nur geringe Differenzen gibt. Wenn Sprintaufgaben in einem spielerischen Umgang erfolgen, entwickelt sich die Sprintfähigkeit zwangsläufig. Dieser Test ist bei der Bewertung der Leistungsfähigkeit von Schülern ohne Aussage - es sei denn es würden Sprint Talente gesucht.

 

6. Übung: Seitliches Hin- und Herspringen

Zu den Zeiten von Seilspringen und Gummitwist war dieser Test sicher kein Problem. Ohne jegliche Sprung- und Prellerfahrung zeigen sich eindeutige koordinative Defizite. Über entsprechende Aufgabenstellungen mit daraus resultierenden koordinativen Adaptionen, ist dies jedoch in der Tätigkeit relativ schnell zu lernen. Wenn Kinder diese Testübung nicht beherrschen, bedeutet dies, dass sie die Testübung nicht beherrschen. Sie kann schnell eingeübt werden mit signifikanten Steigerungen. Generalisierbare Aussagen lassen ein schlechtes Abschneiden nicht zu!

 

7. Übung: Rückwärts balancieren

Hier trifft im Prinzip das Gleiche wie bei 6. zu. Die Übung ist schnell zu lernen und stellt eine Herausforderung im freien Spiel dar. Wenn sie von Kindern beobachtet wird, ergibt sich aus der eigenen Neugier und Selbstvertrauen aus erworbenen Bewegungserfahrung eine ideale Lernsituation. Es ist aber auch falsch, hier von Gleichgewichtsfähigkeit zu sprechen. Fähigkeit verweist darauf, dass diese vielfältig und umfassend einzusetzen ist.

Fakt ist jedoch, dass dieser Test in erster Linie eine Aussage über das Rückwärtslaufen auf diesem Balken zulässt. Selbst Turnerinnen, die sich auf dem Schwebebalken bewegen und über ein relativ ausgeprägtes dynamisches Gleichgewichtverhalten verfügen, fallen wie viele andere Menschen sehr wahrscheinlich beim erstmaligen Einsteigen aus einem Kajak. Das liegt daran, dass es im Gleichgewichtsbereich eine sehr große Spezifität gibt. Aus diesem Grund sollten in der Schule vielfältigte Gleichgewichtsaufgaben angeboten werden. Im Ergebnis des DMT zeigt sich vorwiegend, wer diese Aufgabe schon mehr oder weniger oft ausgeführt hat.

 

8. Übung: Rumpfbeugen

Hier wird nicht Beweglichkeit an sich getestet, sondern lediglich die Hüftbeugeleistung. Diese hat keinerlei Einfluss auf die Alltagstauglichkeit. Man kann mit und ohne gute Bewertung hundert Jahre alt werden. Bei der Ausführung sollte zudem die reziprok antagonistische Hemmung berücksichtigt werden. Schon das Wissen darüber ließe grundsätzlich bessere Ergebnisse zu.

 

Fazit

Bei der Durchführung von Tests macht es wenig Sinn, Dinge zu testen, die nur gering mit alltäglichen Bewegungsanforderungen und mit dem Sportunterricht in der Schule korrespondieren. Daraus zu schlussfolgern, dass die Kinder schlechter z. B. in der Fitness geworden sind, ist falsch. Lässt man Kinder morderne Sportarten durchführen, sieht ein solcher Vergleich vielleicht anders aus. So können Kinder heute sicher besser mit Inlinern Slalom um Hütchen laufen, als die Kinder vor 10 Jahren und noch besser als die vor 20 Jahren, die hatten nämlich noch gar keine Inliner. Würde man die Feinkoordination testen, könnte man feststellen, dass noch nie so schnell eine SMS getippt wurde wie heute. Andere Zeiten, andere Bewegungen.

Daher muss man die Ergebnisse im direkten Zusammenhang mit der jeweiligen Testübung sehen. Ein Übertrag auf allgemeine motorische Kategorien wie Ausdauer, Kraft oder Beweglichkeit verbietet sich.

Lesen Sie auch: Beweglichkeitstests

  

Dennis Sandig und Wilfried Schäfer

 

Literaturangaben:

1. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 2004, Bd. 55, (9), S. 222–231.

2. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 2004, Bd. 55 (9). S. 212-220.

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