Functional Movement System

Progression ist das Zauberwort

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Auch die Fußstellung muss immer wieder gescreent werden.

Ein umfangreiches Testing ist entscheidend für ein gutes und zielführendes Personal Training. Der Bewegungsanalyse kommt dabei eine entscheidende Rolle zu.

Wann und in welchem Umfang sollte eine Bewegungsanalyse erfolgen? Die simple und einzig richtige Antwort darauf lautet: IMMER bevor der Trainer mit einem neuen Kunden startet und IMMER so detailliert wie möglich. Je transparenter der Klient für uns wird, desto exakter können wir ansetzen. Optimal ist, mehrere Tests mit dem Klienten durchzuführen, um ein möglichst genaues Bild von der Person zu erhalten. Wir beginnen mit einer sogenannten statischen Körperanalyse. In dieser Analyse steht der Klient möglichst leicht bekleidet in für ihn angenehmer Ausgangsstellung. Die Arme hängen entspannt neben dem Körper und die Füße stehen hüftbreit auseinander. Wir bitten den Klienten, sich für einige Minuten möglichst wenig zu bewegen, und beginnen aus allen Richtungen (vorne, Seite, hinten) alles zu notieren, was wir in ruhiger Körperposition an Auffälligkeiten feststellen. Wir orientieren uns dabei immer von unten nach oben. Um es deutlicher zu machen: Aus der hinteren Position können wir beurteilen, ob der Fuß beispielsweise in einer Knickstellung steht – außenrotiert und nach innen geknickt. Sehen wir das, notieren wir uns das kurz und bündig. Dieser Fakt kann später in der Bewegungsanalyse noch von Bedeutung sein.

Hier alle wichtigen Punkte in der Zusammenfassung: 

Hintere Position: Stellung Fuß, Hautzeichen Kniegelenk von hinten. Mögliche Anzeichen für Beinachsenfehlstellung, Beckenhochstand, Skoliose, Schulterhochstand, Verschiebung des gesamten Körperschwerpunktes nach links oder rechts. 

Seitliche Position: Körperschwerpunkt eventuell zu weit nach vorne verschoben, die Folge überstreckte Knie, Form der Wirbelsäule, Vorschieben der Schultern, Vorschieben des Kinns. 

Frontale Position: Stellung Fuß, Kniescheibe steht nach innen oder außen, Hüftstellung, Schulterstellung, vertikale Achse. 

Um es noch mehr zu verdeutlichen: Alles, was von der Norm abweicht, ist eine Kompensation, um die optimale Bewegung (im Alltag oder im Sport) zu simulieren. Ein gutes Beispiel, das wir häufig in der Praxis sehen, ist das aus der seitlichen Position feststellbare Vorschieben des Körperschwerpunktes in Verbindung mit einem Überstrecken der Kniegelenke. Meist geht das einher mit einem nach vorne gekippten Becken, was zu einer Hyperlordose in der Lendenwirbelsäule führt. Diese komplette Kompensationskette dient letztlich nur einem Zweck: dem Simulieren von Aufrichtung und Größe! 

Kompensationsstrategien betrachten

Es ist ein absolutes Muss, mögliche Kompensationsstrategien zunächst in einer statischen Position zu betrachten, denn manchmal verändern sie sich oder verschwinden sogar, sobald Bewegung ins Spiel kommt. Die Norm ist allerdings, dass die Kompensationen sich in der Bewegung potenzieren. 

Nach diesem Test bringen wir den Functional Movement Screen (FMS) ins Spiel (Lesen Sie auch: Der Functional Movement Screen). Man muss dazu sagen, dass ein Mindestmaß an körperlicher Fitness Voraussetzung ist, um den FMS anwenden zu können. Dies ist bei unserem Klientel aber in acht bis neun von zehn Fällen möglich. 

Laut Cook ist der FMS ein Produkt der funktionellen Trainingsphilosophie. Er dokumentiert fundamentale Bewegungsmuster, die demnach der Schlüssel zu einer normalen Bewegungsfunktion des Körpers sind. Durch das Screening werden funktionale Einschränkungen und Asymmetrien deutlich sichtbar. Cook übernimmt in diesem Kontext den Begriff „movement impairments“ von Shirley Sahrmann, der aus der funktionellen physiotherapeutischen Bewegungsanalyse stammt. Das von ihm entwickelte integrative System setzt sich aus dem FMS, Core-Training und dem so- genannten Reactive Neuromuscular Training zusammen. Für Cook ist das Reactive Neuromuscular Training eine Art reaktives sensomotorisches Krafttraining, das zur Korrektur von mangelhaften Bewegungsmustern verwendet wird. Neben der Beweglichkeit, der Kraft und der Wichtigkeit des sensomotorischen Systems bekommt der Begriff Stabilität eine große Bedeutung. Um Stabilität zu erzeugen, müssen die bereits erwähnten drei Säulen der Kraft optimal zusammenarbeiten. Cook unterscheidet statische und dynamische Stabilität. Er ist der Ansicht, dass statische Stabilität häufig bei orthopädischen Tests geprüft wird, wie es beispielsweise bei einem Einbeinstand auf Kraftmesssensoren der Fall ist. Mit dynamischer Stabilität meint Cook das Aufrechterhalten von Körperpositionen und -kontrolle in variierenden Lagen des Körpers im Raum sowie unter dem Einfluss externer Lasten oder Stressmomenten. Letzteren Punkt sieht Cook als die praxisnähere Art von Stabilität an. Sie ist deshalb hoch relevant für den FMS. Nachdem all diese Tests abgeschlossen sind, fügen wir unserer Trainingsphilosophie noch zwei weitere hinzu. Wir lassen den Klienten eine sogenannte Glute Bridge (Rückenbrücke) ausführen und geben ihm die Anweisung, diese Bewegung aus der Gesäßmuskulatur zu bewältigen. Schafft der Klient es nicht, nach einigen Wiederholungen vorrangig den Po zu spüren oder kommt es sogar zu einem Krampf in der hinteren Oberschenkelmuskulatur, kommen wir zu dem Schluss, dass die neuromuskuläre Ansteuerung in dem Bereich nicht funktioniert. Dementsprechend wird auch dieser Klient bei den meisten Bewegungen wie Treppensteigen, Laufen, Gehen vor allem bei der Hüftstreckung die hintere Oberschenkelmuskulatur benutzen. Dies ist wiederum eine Kompensation und führt nach und nach zu Verschleiß. 

Zusatztest mit Schlingentrainer

Der zweite Zusatztest ist eine Ruderposition im TRX oder in einem anderen Schlingentrainer. Schafft es der Kunde, seine Schulterblätter hinten unten zu stabilisieren, während er eine Ruderbewegung durchführt, oder arbeitet er verstärkt armdominant, während die Schulterblätter meist vorne oben fixiert sind? Haben wir nach diesen Tests eine Idee, welche Einzelstrukturen betroffen sein könnten, fügen wir noch entsprechende Muskelfunktionstests an, zum Beispiel nach Janda. 

Wichtige Fragen sind: 

• Stimmen die statischen Sichtbefunde mit den dynamischen aus dem FMS überein? 

• Kann ich mit dem Kunden von Beginn an mehrdimensionales funktionelles Training machen oder braucht er zu- nächst rein korrigierendes Training? 

• Ist es besser, von Beginn an Zusatzequipment (Pezziball, TRX, Gewichte, ViPR etc.) einzubauen, oder beginne ich mit reinem Body Weight Training? 

• Was sind die wichtigsten korrigierenden Übungen für ihn und wie vermittle ich dem Klienten auf einfache Weise, wie er diese auch mehrmals als Hausaufgabe ausführen soll? 

Mit diesen und anderen Fragen muss sich ein guter Personal Trainer befassen, bevor er mit dem Klienten in ein Training startet. Das Functional Training ermöglicht uns eine scheinbar unbegrenzte Vielfalt an Übungen. Wir erhalten dadurch ein schier unendliches Arsenal an Möglichkeiten. Das fordert allerdings auch seinen Preis. Der Anspruch an einen Trainer ist immens gewachsen. Einfach nur wahllos funktionelle Geräte und Übungen auszuwählen, weil ein bestimmtes Tool gerade hip ist, führt definitiv nicht zu den Zielen des Kunden und schon gar nicht zu einem vollen Terminkalender des Personal Trainers.

Thomas Korompai

 

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Grundlagen des Functional Training.

Zur Kontroverse des Functional Training.

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