Interview mit Julian Morche, Athletiktrainer Telekom Baskets Bonn (Teil 1)

Das ultimative Ziel: "Spieler müssen in den letzten Minuten punkten!"

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Im Interview: Julian Morche, Athletiktrainer der Telekom Baskets Bonn.

Gerrit Keferstein und Julian Morche sind seit der Saison 2012/2013 die Athletik-Trainer der Telekom Baskets Bonn. Cheftrainer Michael Koch und Co-Trainer Carsten Pohl versprechen sich durch diese Maßnahme mehr Professionalität im Athletik-Bereich.

Die Athletiktrainer sind sowohl für die mannschaftliche Fitness als auch die individuelle Athletik-Ausbildung der Spieler zuständig. Keferstein ist Gründer von All Out Performance Training, einem Trainingszentrum für Profi- und Leistungssportler, aber auch Ottonormalverbraucher trainieren dort. Julian Morche ist bei All Out für das Training mit den Profis der Telekom Baskets Bonn verantwortlich. Neben dem Engagement bei den Baskets ist das sechsköpfige All Out Performance Team unter Leitung von Gerrit Keferstein auch für die athletische Leistungsfähigkeit des Eishockey-Bundesligisten Kölner Haie sowie der Damen-Basketball-Bundesligisten aus Göttingen und Freiburg zuständig. Im 1. Teil des Interviews erklärt Julian, warum Bewegung wie ein Orchester ist, was es mit einem „Beep“ auf sich hat und erzählt uns von einer Bootstour am Rhein.

 

Trainingsworld: Julian, worin liegt der grundsätzliche Unterschied in der Arbeit zwischen Profi-Basketballern und Profi-Eishockeyspielern?

 

Julian Morche: Ein immens wichtiger Unterschied ist, dass ein Profi-Eishockeyspieler mindestens 52 Spiele in 6 Monaten spielt, wohingegen ein Profi-Basketballer etwa 35 Spiele in 6 Monaten durchführt. Das Verhältnis von Competition in den Spielen, Performance im Training und Regeneration ist somit ein anderes. Man kann es auch als das Verhältnis von Work-out zu Work-in beschreiben. Work-out meint hierbei alle katabolen Aktivitäten wie Spiele oder besonders intensive Trainingseinheiten. Work-in sind die anabolen Phasen der Erholung, Ruhe und Einheiten mit regenerativem Charakter. Da hat man im Basketball schon eine bessere Ausgangsbasis für die Arbeit mit den Athleten.

Ein weiterer immenser Unterschied liegt darin, dass im Eishockey auf einem anderen Boden gespielt wird. Wenn wir die schnelle Fortbewegung auf Eis und Parkett vergleichen, dann sehen wir, dass die Anforderung an lokale Kraftausdauer in den Oberschenkeln für Eishockeyspieler viel höher ist. Während ein Basketballer viel mehr von seiner Elastizität der Sehnen und der Effektivität des Stretch-Shortening-Cycles, also dem Dehnungs-Verkürzungszyklus, profitiert, muss der Eishockeyspieler die geringere Unterstützung vom Boden mit seiner Beinkraft wettmachen. Diese Faktoren sollten dann auch im Training optimiert werden.

 

Ein weiter Faktor ist die Intensität des Körperkontaktes. Diese ist im Eishockey intensiver als im Basketball, woraus eine andere Bedarfsverteilung von Kraft resultiert. Das gleiche gilt für die Ausdauer, da diese im Basketball eine andere ist. Im Basketball, wie auch im Eishockey, müssen die Spieler in den letzten Minuten des Spiels Zweikämpfe gewinnen und punkten. Und das ist das ultimative Ziel.

Gerrit, der für die Athletik der Kölner Haie zuständig ist, und ich necken uns manchmal, bei wem das Arbeitsumfeld besser ist. Mit Mike und Carsten (Anm. d. Redaktion: Michael Koch, Trainer der Telekom Baskets Interview Teil 2 und Carsten Pohl, Assistenztrainer) haben wir hier bei den Baskets zwei absolute Toptrainer, die mit jedem Atemzug Basketball leben. Ich weiß, dass Gerrit bei den Kölner Haien mit Uwe Krupp und Niklas Sundblad ebenfalls eine sehr gute Zusammenarbeit hat und sie ihm sehr viel Spielraum in seiner Arbeit mit den Athleten ermöglichen. Jared Jordan (Anm. der Red.: Aufbauspieler bei den Telekom Baskets Bonn) meinte mal zu mir: "Eishockeyspieler stinken, deshalb glaube ich, dass ich hier definitiv mehr Spaß bei der Arbeit habe als Gerrit." (lacht)

 

Trainingsworld: Seit dem Spät-Sommer bist Du für die Fitness der Baskets zuständig. Wie sahen die ersten Trainingseinheiten mit dem Team aus?

 

Julian Morche: Die erste Trainingseinheit war unsere gemeinsame Bootstour mit Betreuerstab und dem gesamten Team auf dem Rhein. Da hatten wir die Möglichkeit, die Spieler besser kennenzulernen. Athletiktraining heißt für uns das Training so zu gestalten, dass die Athleten bestmöglich auf die Anforderungen der Sportart vorbereitet sind. Dazu haben wir uns natürlich zuerst jeden einzelnen Spieler genau angeguckt und getestet. Nun haben wir es hier mit Top Basketballern zu tun, die schon viel Trainingserfahrung mitbringen und auf einem sehr guten Level sind. Das heißt für uns, die Fähigkeiten zu fördern, in denen wir den größten Effekt erreichen können. Wir mussten also Prioritäten setzen. Als wir im Team der Baskets angefangen haben war Priorität Nummer 1, an Bewegungseffizienz und Kraftübertragung zu arbeiten.

 

Trainingsworld: Auf der Homepage der Telekom Baskets sieht man, wie Du Sprintübungen, in Form des Beep-Tests, mit den Spielern der Telekom Baskets durchführst und diagnostizierst (http://www.youtube.com/watch?v=Gxmh8O2qwnM&feature=player_embedded). Was beabsichtigt dieser Test und wie funktioniert er?

 

Julian Morche: Der Beep Test ist ein Test, mit dem wir ein Energiesystem der Spieler testen. Außerdem bekommen wir die maximal tolerierbare Herzfrequenz jedes Athleten und einen groben Überblick über die maximale Sauerstoffaufnahme.

 

Trainingsworld: Welche Schwerpunkte hast Du in der Saisonvorbereitung gesetzt?

 

Julian Morche: Die individuelle Feinabstimmung bei den Athleten ist ein Schwerpunkt in der Saisonvorbereitung. Bewegung ist wie ein Orchester und alles muss aufeinander abgestimmt sein. Wenn die Trompete zu laut spielt und die Geige zu leise, dann wird das nichts. Deshalb haben wir viel an optimierter Kraftübertragung und Bewegungseffizienz gearbeitet. Damit die Spieler in den letzen Minuten eines Spiels maximale Leistung bringen können, führen wir mit Spielern ein individuell zugeschnittenes Energiesystemtraining durch. Dabei arbeiten wir an der Fähigkeit, wiederholt schnelle Sprints durchführen zu können und die Regenerationszeiten optimal auszunutzen. Allgemein wollen wir aber immer an allen 5 physischen Fähigkeiten arbeiten (mehr dazu nächste Woche im 2. Teil des Interviews).

 

Ramy Azrak

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