Exklusivinterview mit Michael Koch, Trainer der Telekom Baskets Bonn:

"Profi-Vereine müssen nicht vom Staat unterstützt werden, sondern von der Wirtschaft"

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Bodenständig, authentisch und sympatisch: Michael Koch (rechts) im Gespräch mit trainingsworld-Experte Ramy Azrak.

Im Exklusivinterview für trainingsworld spricht Michael Koch über die Chancen, die 2. Playoff-Runde gegen den favorisierten Meister und Pokalsieger aus Bamberg zu erreichen, die aktuelle Situation des deutschen Basketballs und wieso man international gegen griechische Teams keine Chance hat.

Michael Koch ist seit der Saison 2005/2006 Trainer bei den Telekom Baskets Bonn. Zweimal stand der 46-Jährige mit seinem Team in den Playoff-Finals, doch musste sich Alba Berlin und den EWE Baskets Oldenburg geschlagen geben. Aktuell haben sich die Telekom Baskets Bonn den achten und somit letzten Startplatz für die Playoffs gesichert und wollen heute Abend, nach dem sensationellen Sieg im ersten Playoff-Auftaktspiel in der Frankenhölle beim amtierenden Deutschen Meister Baskets Brose Bamberg, alles aus sich herausholen, um mit 2-0 in Führung zu gehen.

trainingsworld: Aktuell laufen in der Beko Basketball Bundesliga die Playoffs und Sie haben mit dem Sieg Ihrer Mannschaft in Bamberg für einen Paukenschlag gesorgt. Wie schätzen Sie die Chancen ein, den Deutschen Meister in der Serie zu schlagen?

Michael Koch: Favorit in der Serie ist immer noch Bamberg, ganz klar. Die Bamberger haben in den letzten Jahren den deutschen Basketball dominiert und 48 Heimspiele in Folge gewonnen. Jetzt haben wir es geschafft im 1. Playoff-Spiel in Bamberg einen Sieg zu stehlen, aber die realistische Chance dort nochmal ein Spiel zu gewinnen ist umso kleiner geworden. Wir müssen unseren Homecourt verteidigen und diesen Vorteil nutzen, das ist unser Ziel. Das Heimspiel wird eine schwere Aufgabe und Bamberg wird sich anders präsentieren, da sie mit dem Rücken zur  Wand stehen. Von daher ist Bamberg immer noch der Favorit, aber wir haben an ihrem Image gekratzt und hoffen natürlich noch etwas tiefer bohren zu können. trainingsworld Playoff-Check 

trainingsworld: Es gibt immer wieder Diskussionen, den Playoff-Modus von „Best of Five“ auf „Best-of-Seven“ der NBA anzugleichen. Was halten Sie davon?

Michael Koch: Ich habe schon in verschiedenen Ländern gespielt, unter anderem in Griechenland, wo die Halbfinals sogar nur im „Best-of-Three“ Modus gespielt werden. Ich glaube, dass der „Best-of-Five“ Modus ein guter ist. Man sollte bedenken, dass die Mannschaften, die in die Playoffs kommen, nebenher häufig noch Europapokal spielen und nach Ablauf der Saison dann schon fast 60 Spiele absolviert haben. Mannschaften, die Euroleague spielen und dann noch weit kommen, haben sogar noch mehr Spiele, das ist fast die gleiche Spieldichte wie in der NBA mit Vorbereitungsspielen, Saison und Playoffs. In einem „Best-of-Seven“-Modus sind zum Ende der Saison zu viele Spiele gespielt und wenn dann Duelle über 7 Spiele gehen, dann ziehen sich die Playoffs zu sehr hin und beschränken neben dem enormen Kraftverlust zusätzlich die Regeneration der Spieler, die sehr wichtig ist. Dirk Nowitzki ist ein sehr gutes Beispiel: Letztes Jahr, nachdem die Dallas Mavericks die Meisterschaft gewonnen haben, hat Dirk noch im Sommer für die deutsche Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft gespielt und die ersten Monate in der aktuellen NBA-Saison war er dann einfach nur platt. Der „Best-of-Five“ Modus ist ein guter Modus mit der richtigen Anzahl von Spielen und ich finde es auch gut, dass das Heimrecht nach jedem Spiel wechselt (1-1-1-1-1), anders als in der NBA (2-2-1-1-1).

trainingsworld: Ist denn der Reisestress nicht nachteilhaft für alle Teams?

Michael Kochs Spielerkarriere:

Kochs Spielerkarriere begann 1983 im Alter von 17 Jahren in der Bundesliga beim MTV 1846 Gießen, ehe er dann zu Steiner Bayreuth wechselte, wo er 2-mal den Deutschen Pokal und eine Deutsche Meisterschaft gewann. Seine erfolgreichste Zeit hatte der Dreierspezialist jedoch bei Bayer 04 Leverkusen, wo er weitere 5 Meistertitel und 2 Pokalsiege in seine Vita eintragen durfte. Michael Koch bestritt während seiner Karriere insgesamt 140 Länderspiele für die A-Nationalmannschaft. Unvergesslich bleibt der Europameisterschafts-Triumpf im Jahr 1993. Zwei Jahre später wurde der Flügelspieler von einer Basketball-Fachzeitschrift zu Deutschlands Spieler des Jahres gewählt. 1996 wechselte er nach Griechenland zu Panathinaikos Athen, später noch zu Marousi Athen und Ionikos Neas Filadelfias, bevor er im Jahr 2003 bei den Dragons Rhöndorf seine Spielerkarriere ausklingen ließ.

Michael Koch: In der Bundesliga sind die Entfernungen überschaubar, anders als in der NBA wo man andere Reisestrapazen auf sich nehmen muss. Hätten wir bei uns in den Playoffs den Modus (2-2-1) wäre man mit 2 Heimsiegen zu Beginn fast durch, von daher gefällt mir der Modus, den wir bei uns in Deutschland haben, schon sehr gut. 

trainingsworld: Dirk Bauermann (Trainer des FC Bayern München und ehemaliger Bundestrainer der Basketball-Nationalmannschaft) hat kürzlich folgendes gesagt: „In Zukunft wird es häufiger passieren, dass Deutschland keine Basketball-, Volleyball- oder Handball-Mannschaft bei den Olympischen Spielen stellen kann. Allen dreien rennt Europa davon". Bauermann bemängelt eine unzureichende staatliche Unterstützung. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema? 

Michael Koch: Ich verstehe nicht ganz den Aspekt der staatlichen Unterstützung. Wir haben im Basketball, Volleyball und Handball Profiligen und Profivereine, die mit Sicherheit nicht vom Staat unterstützt werden müssen, sondern von der Wirtschaft. Die Kassen der Kommunen sind sowieso schon leer, Millionen aus dem Staatshaushalt werden für andere Zwecke benötigt, von daher bin ich ganz klar der Meinung, dass die Profiligen Gelder aus der Wirtschaft, die auch zur Verfügung stehen, benötigen. Es gibt genügend Unternehmen die als Sponsoren auftreten möchten. Ich nenne mal ein gutes Beispiel aus dem Fußball: Bayern München hat einen riesen Sponsoren-Pool und diese Sponsoren tragen den Verein. Deswegen glaube ich, dass wir nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen sind.  Durch mehr Gelder aus der Wirtschaft haben wir in Zukunft auch größere Chancen wieder regelmäßig bei Olympischen Spielen teilzunehmen.

trainingsworld: Hat der deutsche Basketball ein Vermarktungsproblem?

Michael Koch: Ja! (lange Pause) Der deutsche Basketball hat auch ein Renomée-Problem. Deutschland ist ein Fußballland. Das wird uns keiner absprechen. Die Erfolge in der Fußball-Nationalmannschaft sind da, die Fußball-Bundesliga boomt und Fußball ist ganz klar die Sportart Nummer Eins. Früher war Tennis mit Boris Becker und Steffi Graf jahrelang auf dem Level, bei dem viele Gelder in diesen Sport flossen. Unsere Handballer sind in Europa auf top Niveau, die Liga ist eine der stärksten weltweit.

Der Basketball macht jedes Jahr einen Schritt nach vorne. Wir haben eine neue moderne Halle, ratiopharm Ulm hat eine neue Halle, die Zuschauerzahlen und auch das Interesse an Basketball steigt allgemein. Wir sind auch im Fernsehen präsent, mittlerweile auch wieder im Free-TV. Das ist alles schön und gut. Aber ich glaube, dass Basketball ein bisschen als Randsportart gehandelt wird. Aus diesem Image müssen wir raus. Ich bin der Meinung, dass die Liga da sehr gute Fortschritte macht, mit den neuen Hallen die wir in der Liga haben und auch mit den verbesserten Regelungen für unsere deutschen Nachwuchsspieler (im 2. Teil des Interviews nächste Woche mehr dazu). Wir sind auf gutem Weg den Höhepunkt zu erreichen, aber wir sind noch nicht da wo wir hin wollen.

trainingsworld: Sie haben in Griechenland 7 Jahre professionell Basketball gespielt. Was fehlt Ihrer Meinung nach deutschen Spitzenmannschaften im Vergleich zu Olympiacos Piraeus und Panathinaikos Athen (beide Euroleague Halbfinalisten) zur europäischen Spitze?

Michael Koch: Die Frage ist einfach beantwortet. Den Unterschied macht das Geld aus! In Griechenland haben wir genau das, was ich gerade bereits erwähnt habe: In Griechenland gibt es Unterstützung von der Wirtschaft, fast alle Vereine haben einen Mäzen. Da ist es so, dass ein Verein nicht unbedingt große Sponsoren- und Werbeeinnahmen hat, sondern neben den Fernseheinnahmen einen Mäzen im Rücken hat. Aber auch die Fernseheinnahmen generieren deutlich höhere Einnahmen für die Vereine, da der Basketball in Griechenland einen deutlich höheren Stellenwert hat als in Deutschland. Zeitweise ist die Basketballpopularität in Griechenland sogar höher als die des Fußballs. Das schwankt immer zwischen den beiden Sportarten hin und her. Nach der Fußball Europameisterschaft im Jahr 2000 und dem Triumph unter Trainer Otto Rehagel war Fußball die Nummer eins, aber ansonsten generiert der Basketball den Vereinen hohe Geldeinnahmen.

Ein weiterer Vorteil, den der griechische Basketball hat, sind die besseren Steuergesetze. Das ist der generelle Vorteil, den viele südliche Länder gegenüber Deutschland haben. In Deutschland gibt es den geldwerten Vorteil und jeder Cent muss verrechnet und versteuert werden. In Griechenland gibt es einen speziellen Steuersatz für Sportler, Künstler und Schauspieler, der bei 15 Prozent liegt. Dadurch werden die hohen Gehälter niedriger versteuert und das ist natürlich ein enormer Vorteil für diese Mannschaften. Wenn in der EU-Zone oder in ganz Europa ein einheitliches Steuergesetz käme, dann würden diese Mannschaften einen Schritt nach hinten machen bzw. wir kämen einen Schritt nach vorne und hätten eine größere Chance im europäischen Spitzenbasketball mitzuhalten. Im Moment ist es jedenfalls aufgrund der finanziellen Unausgeglichenheit schwierig aufzuholen.

Ramy Azrak

Im 2. Teil des Interviews spricht Michael Koch über die Entwicklung der Athletik im Basketball, wie sich die Trainingsdiagnostik im Vergleich zu seiner aktiven Karriere weiterentwickelt hat und wieso es schwieriger geworden ist, jungen deutschen Talenten viel Spielzeit in der Bundesliga einzuräumen. 

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