Interview mit Telekom Baskets Headcoach Mathias Fischer

"Ziele definieren, hart dafür arbeiten und gemeinsam an dieses Ziel glauben"

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„Emotionen können bis zu einer bestimmten Grenze Spieler pushen“

Die Telekom Baskets Bonn haben am vergangenen Wochenende im Spitzenspiel der Basketball-Bundesliga ALBA Berlin mit 60:59 bezwungen und sind derzeit Zweiter. Basketball-Experte Ramy Azrak sprach exklusiv mit Headcoach Mathias Fischer über den aktuellen Erfolg und seine Basketball-Philosophie.

Ein lauter Jubelschrei, dann war es geschafft. Die Anspannung fiel von Mathias Fischer kurz nach dem Spiel ab. Der neue Headcoach der Telekom Baskets Bonn beobachtete am vergangenen Samstag im ausverkauften Telekom Dome ein hochintensives Bundesligaspiel seiner Mannschaft gegen die Albatrosse aus Berlin. Das Happy End bereitete Ihm Venas Veikalas 2,7 Sekunden vor Schluss. Bei der Penetration zum Korb versenkte der Flügelspieler einen Korbleger zum 59:59 Ausgleich und wurde dabei gefoult. Den anschließenden Freiwurf traf er zum entscheidenden 60:59. Nach dem Spiel traf unser Basketball-Experte Ramy Azrak einen sehr sympathischen und authentischen Baskets-Coach, der nach dem Samstagabend-Krimi sehr erleichtert wirkte. Im Gespräch erklärt der ehemalige Zweitligaspieler (Telekom Baskets Bonn von 1992-1994) u.a., wie seine Basketballphilosophie aussieht und warum zwei aktuelle Nationalspieler, die er früh zu fördern begann, von einer Insolvenz profitierten.

trainingsworld: Wie fühlen Sie sich so kurz nach dem Basketball-Krimi? 

Mathias Fischer: Ich bin erleichtert. Es war eigentlich unnötig, dass wir die Partie fast noch aus den Händen gegeben haben. Wir haben souverän und lange geführt, aber das ist im Basketball kein untypisches Phänomen, dass man kurz vor Schluss darüber anfängt nachzudenken „wir könnten ja gewinnen“ und etwas verkrampft. In einem engen Spiel wie heute (Spielbericht) können ein paar Szenen solch ein Spiel noch kippen. 

trainingsworld: Welche neuen Erkenntnisse zieht man nach solch einem nervenaufreibenden Spiel? 

Mathias Fischer: Alba Berlin ist ein sehr gutes Team. Man muss sie 40 Minuten sehr hart verteidigen und die Dreipunkte-Würfe kontrollieren. Dann hat man eine Chance zu gewinnen. Meine Jungs haben heute 30 Minuten sehr ordentlich gespielt, danach haben wir allerdings den Faden verloren. Wir müssen in jedem Spiel 40 Minuten konzentriert sein und dürfen auf dem Niveau nicht nachlassen. Wir müssen lernen Spiele bei einer acht bis neun Punkte Führung kurz vor Schluss sicher nach Hause zu bringen. Das ist, was wir noch unbedingt verbessern müssen und woraus wir lernen sollten.

Man muss authentisch sein

trainingsworld: Sie sind sehr aktiv am Spielfeldrand. Glauben Sie, dass sich das positiv auf Ihre Spieler überträgt oder ist das Ihre Art Ihre Spannung abzubauen? 

Mathias Fischer: Ich denke, da ist jeder Coach anders. Phil Jackson (Anm. d. Red.: Mit elf gewonnen Meisterschaften ist er der erfolgreichste NBA-Trainer aller Zeiten) beispielsweise ist ein Trainer, der in Anführungsstrichen auf der Trainerbank fast einschläft und nur selten aufsteht. Seine Teams waren immer top vorbereitet und er hat bekanntlich großen Erfolg gehabt. Auf der anderen Seite gibt es Trainer, die versuchen ihre Spieler mitzureißen und auf ein emotionales Level zu bringen. Das versuche ich mit meinen Spielern, weil ich denke, dass Emotionen im Spiel sehr wichtig sind. Emotionen können Spieler bis zu einer bestimmten Grenze pushen, wodurch neue Kräfte frei werden können. Ich glaube, ich bin auch nicht der Typ, der sich ruhig hinsetzt und das Spiel genießt. Das ist einfach nicht meine Art.

trainingsworld: Ein ehemaliger Spieler von Ihnen sagt über Sie, dass Sie eine einzigartige Aura haben. Braucht man das als Trainer, um sich im Profigeschäft durchzusetzen? 

Mathias Fischer: Ich weiß es nicht. Das ist eine gute Frage. Ich weiß nur eine Sache: Man muss authentisch sein. Man darf sich nicht verstellen. Das merken die Spieler. Natürlich braucht man viele Erfahrungswerte, um sich im Profigeschäft zu etablieren. Ich hatte das Glück als Trainer in der Welt herumgekommen zu sein und von diesen Erfahrungswerten profitiere ich.

trainingsworld: Sie haben Authentizität und Erfahrung genannt. Welche zusätzlichen Eigenschaften sollte Ihrer Meinung nach ein guter Trainer mit sich bringen? 

Mathias Fischer: Auf höherem Level geht es nicht mehr darum, einem Spieler einen Wurf oder einen Korbleger beizubringen. Die Grundtechniken erlernen die Spieler in der Jugend. Auf Profilevel muss ich meine Mannschaft zusammenschweißen und meinen Spielern begreiflich machen, dass man nur miteinander erfolgreich sein kann und dass es gute und schlechte Tage gibt. Die Spieler müssen zueinander finden und als Mannschaft funktionieren. Eine Mannschaft aufzubauen und zusammenzuschweißen ist nicht immer leicht. Als Trainer muss man viele Charaktere und Egos unter einen Hut bringen. Entscheidend ist auch, Ziele zu definieren, hart dafür zu arbeiten und gemeinsam an dieses Ziel zu glauben. Das ist eine Qualität von mir, daran arbeite ich und das versuche ich meinen Spielern immer wieder vor Augen zu führen.

Das Schlimmste ist einem Spieler nicht zu erklären, wieso er nicht spielt. 

trainingsworld: Sie haben es angesprochen. Als Trainer muss man viele Charaktere und Egos unter einen Hut bringen. Wie schafft man es als Trainer der Unzufriedenheit bei Spielern entgegenzuwirken, die weniger Einsatzzeit bekommen? 

Mathias Fischer: Das ist eine gute Frage. Das ist nicht immer leicht. Jeder will spielen, ganz klar! Meine Spieler trainieren alle sehr gut. Als Trainer entscheide ich, wer spielt und wer nicht spielt. Im letzten Spiel haben Enosch Wolf und Florian Koch eine tolle Partie abgeliefert. Im heutigen Spiel gegen Alba Berlin habe ich andere Spieler eingesetzt. Ich mache mir im Vorfeld eines Spiels Gedanken, wen ich wo und wann einsetze und natürlich spreche ich mit den Spielern. Ich versuche sie aufzubauen und sage ihnen, dass wir noch viele Spiele haben und sie ihre Einsätze bekommen werden. Ich rede mit den Spielern, die ich nicht oder wenig eingesetzt habe. Das Schlimmste ist einem Spieler nicht zu erklären, wieso er nicht spielt. Man darf seine Spieler nicht in der Luft hängen lassen.

Ramy Azrak

 

In Teil 2 des Interviews spricht Mathias Fischer u.a. darüber, ob er lieber Dennis Rodman, Jason Kidd oder Dirk Nowitzki im Team haben würde.

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