Exklusivinterview mit Basketball-Profi Chris Ensminger (Teil 2)

„In einer Saison habe ich auf meine linke Hand gewechselt“

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Der 2. Teil unseres Interviews mit Basketball-Profi Chris Ensminger.

Im 2. Teil des Interviews erzählt mir Chris Ensminger, wie ich ein guter Rebounder werden kann, von seinen Plänen als Fitness‐ oder Basketballtrainer und verblüfft mich mit der Aussage, dass er anderthalb Jahre Freiwürfe mit links geworfen hat.

„Beim Rebound wird häufig zu wenig über das Ausboxen gesprochen“

trainingsworld: Bis zur Saison 2004/2005 waren Sie 5-mal in Folge der Top‐Rebounder der Beko Basketball Bundesliga. Wie kann ich ein Top‐Rebounder werden, Chris?

Chris Ensminger: (Lacht) Wie groß sind Sie? Eine Vielzahl von Leute denkt, dass zum Rebound nur Hochspringen und Athletik ausreichen. Für mich ging es immer um die Positionierung meines Körpers und darum, gute Hände in den Rebound zu bringen. Für den Offensivrebound sollte ich Kenntnis über das Wurfverhalten meiner Mitspieler haben. Treffen meine Mitspieler oder wohin wird der Ball abspringen? Dabei ist das Fixieren des Balls sehr wichtig.

Dies sowie harte Arbeit und Entschlossenheit sind die Faktoren, die einen guten Rebounder ausmachen. Nicht aufzugeben und unerbittlich zu sein ist entscheidend, weil es sehr physisch unter den Brettern zugeht. Das ganze Gedränge unter dem Korb bedeutet, dass du klug agieren musst und wissen solltest, wie du deinen Körper einsetzen musst, um den Ball zu bekommen. Beim Rebound wird häufig zu wenig über das Ausboxen gesprochen, ein grundlegender Faktor, vor allem, wenn es um defensive Rebounds geht. Manchmal hole ich nicht so viele Rebounds wie gewöhnlich, ich stelle mein Spiel an solchen Tagen aber nicht um und versuche, weiterhin mein Bestes zu geben. Manchmal landet der Ball auf diese Weise in meinen Händen, an manchen Tagen fehlt dann auch mal das Glück. Es geht darum, hart daran zu arbeiten und weiter zu konkurrieren.

 

trainingsworld: Studieren Sie Videos von Ihren Gegenspielern?

Chris Ensminger: Nein, das ist nicht mehr unbedingt notwendig. Ich sehe meine Mitspieler täglich im Training, ob sie zu kurz werfen oder die Würfe dazu neigen, zu lang zu sein. Also übe ich im Training, auf der Position an der Seite der Rings zu stehen, auf der die Würfe abprallen. Normalerweise verfolge ich die Flugkurve des Balls und versuche zu antizipieren, wo er landen wird. Ich spiele dieses Spiel seit Jahren und meine Erfahrungswerte haben mir während meiner Karriere geholfen.

 

"In einer Saison habe ich auf meine linke Hand gewechselt"

trainingsworld: „Hack‐a‐Ense" (frei übersetzt: Bring den Ensminger an die Freiwurflinie): Dies war das Motto der Gegner, als Sie noch in Bamberg gespielt haben. In der letzten Saison hatten Sie eine Freiwurfquote von 75,8 %. Wie erklären Sie sich diese späte Verbesserung?

Chris Ensminger: In den letzten 4 Jahren habe ich über 70 % von der Freiwurflinie geschossen. In Bamberg kam es bei Freiwürfen nur auf mentale Stärke an, die ich nicht immer hatte. Als ich nach Paderborn wechselte, habe ich verstärkt an der Lösung von mentalen Blockaden gearbeitet. Ich bekam endlich eine Routine an der Linie und blieb seither bei dieser, was ich auch benötige, um eine gewisse Konstanz von der Freiwurflinie zu erhalten. Ich konzentriere mich auf ein paar wichtige Dinge: Ich konzentriere mich auf mein Ziel und halte es einfach. In Bamberg habe ich andauernd meinen Stand geändert, die Haltung meines Ellenbogen und meiner Augen verändert. Ich habe mich einfach nicht wohl gefühlt. Ich hatte Spiele, in denen ich sehr gut von der Freiwurflinie geworfen habe, aber ich hatte auch Spiele, in denen ich eher schlecht von der Freiwurflinie geworfen habe und eine Quote von nur 50-60 % hatte. In einer Saison habe ich auf meine linke Hand gewechselt und das ausprobiert, da ich mit beiden Händen schießen kann. In den anderthalb Jahren hatte ich trotzdem nur eine 60 %-ige Trefferquote und habe dann wieder mit rechts geworfen.

Ich denke, es war nur eine mentale Blockade, es kam letztenendes auf Erfahrung, die Wiederholung des Wurfprozesses und die Fokussierung auf das Wohlfühlen und die Zuversicht an.

 

trainingsworld: Ist es von daher nur eine Frage des Selbstvertrauens, wenn man an der Freiwurflinie steht?

Chris Ensminger: Du kannst zwar Freiwürfe auch ohne Fans üben, aber im Spiel muss man letztenendes einen anderen Druck aushalten. Du kannst üben und 85 % der Würfe treffen. In dem Spiel liegt eine andere Situation vor. Du läufst und stoppst, aber dein Herz rast. Du kannst diese Art von Druck‐Situation nicht immitieren.

 

trainingsworld: Sind Sie vor einem Playoff‐Spiel nervöser als vor einem normalen Bundesliga‐Spiel?

Chris Ensminger: Ich nehme jedes Spiel gleich ernst, egal ob ich ein Pre‐Season‐ oder Playoff‐Spiel habe, gegen den Ersten oder Letzten spiele, oder ein Playoff‐Spiel ansteht. Ich versuche immer das gleiche Mindset abzurufen. Ich versuche, in jedem Spiel erfolgreich zu sein.

 

trainingsworld: Vielleicht ist es ein wenig zu früh, da die Saison noch lang ist, aber haben Sie schon Pläne für die nächste Saison?

„An Chris kann man sich orientieren“

Andrej Mangold spielt in der 2. Saison bei den Telekom Baskets Bonn. Der 13 Jahre jüngere Aufbauspieler findet die Leistung des 39‐Jährigen hoch erstaunlich und beneidenswert: „Ich hoffe, dass ich in dem Alter auch noch auf dem Level spielen kann wie er. So etwas gibt es nur sehr selten. Da muss man höchsten Respekt zollen, wenn jemand in diesem hohen Alter noch solche Leistungen bringt. Dazu gehört auch eine Menge Disziplin. Chris macht viel für seinen Körper und lebt sehr professionell, auch im Sommer, wenn kein Training ist. An Chris kann man sich orientieren, er ist ein Vorbildprofi."

Erklären tut sich Andrej Mangold die starke Leistung wie folgt: „Mit jedem Jahr, dass du auf dem Level spielst, gewinnst du so viel an Erfahrung, dass du den Rückgang der Sprungkraft und der Schnelligkeit durch Erfahrung und Spielwitz wettmachen kannst. Chris weiß, was er in welcher Situation machen muss, da er viele Situation schon tausende Male erlebt hat.“

Chris Ensminger:
Ich lasse mir alle Möglichkeiten offen. Ich bereite mich darauf vor, Trainer zu werden, entweder im Hochschul‐Sektor oder im Profibereich. Vielleicht arbeite ich in Zukunft weiterhin in Deutschland oder in den Staaten. Ich arbeite neben dem Basketball daran, Fitness‐Lizenzen zu erwerben. Ich habe meine B‐Lizenz im vergangenen Jahr erfolgreich absolviert und werde jetzt die A‐Lizenz absolvieren. Ich bin sehr an Fitness‐Training interessiert, sowohl außerhalb des Basketballs als auch in Kombination mit Basketball. Diese beiden Bereiche, Coaching und Fitness, machen mir Spaß.

Ich halte mir auch die Möglichkeit offen, möglicherweise eine weitere Saison Basketball zu spielen. Ich muss schauen, wie sich mein Körper fühlt und von Tag zu Tag und Spiel zu Spiel denken. Wenn Teams an einer Verpflichtung meiner Person interessiert ist, werde ich mir alle Optionen anschauen. Ich weiß nicht, was meine Zukunft bringen wird. Wir werden es sehen.

 

Ramy Azrak

 

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