Interview mit dem Athletiktrainer der Telekom Baskets Bonn (Teil 1)

"Wichtig ist, den Motor am Laufen zu halten"

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Er ist für die Fitness der Spieler zuständig: Athletiktrainer Julian Morche (rechts)

Julian Morche ist seit der Saison 2012/13 Athletiktrainer bei den Telekom Baskets Bonn und steht aktuell mit seinem Team in den Playoffs der Beko-Basketball-Bundesliga. Unser Redakteur Ramy Azrak traf den Fitnessexperten nach dem 2. Playoffspiel im Telekom Dome gegen die EWE Baskets Oldenburg.

trainingsworld: Julian, Gratulation zum Sieg gegen die EWE Baskets Oldenburg und zum 1:1 Ausgleich in der Serie. Trotz des starken Auftritts Ihres Teams spiegelt sich in der Spielstatistik eine negative Reboundstatistik wieder: 28:49 Rebounds aus Ihrer Sicht. Woran lag Ihrer Meinung nach diese physische Unterlegenheit unter den Brettern?

Julian Morche: Grundsätzlich muss man festhalten, dass wir physisch an unser Limit gehen müssen, weil wir nur eine kleine Rotation haben. Ich glaube, dass wir diesem Umstand etwas Tribut zollen müssen, allerdings ist es nicht nur eine rein physische Komponente. Es spielt auch immer das System eine Rolle, also welche Art der Verteidigung wir wählen und wie wir im Angriff agieren wollen. Oft spielt unser Trainer mit einer kleinen Aufstellung, dadurch ist die Gefahr von den Außenpositionen für unsere Gegner sehr präsent. Hinzu kommt, dass Oldenburg ein gutes Team hat. So können am Ende solche Werte in einer Statistik stehen.

 

trainingsworld: Messen Sie Statistiken eine Bedeutung bei? Eine Interpretation der Reboundunterlegenheit könnte beispielsweise sein, dass Sie an der Sprungkraft arbeiten sollten.

Julian Morche: Nein, ich denke das macht auch am Ende der Saison nur noch wenig Sinn. Mit dieser Thematik beschäftigt man sich hauptsächlich in der Off-Season. Jetzt in den Playoffs liegt der Hauptfokus darin, den Motor am Laufen zu halten und das Getriebe zu schmieren, das bedeutet, dem Körper möglichst viel Regeneration zu ermöglichen, um in der kurzen Folge von Spielen immer 100 % geben zu können.

 

trainingsworld: Apropos 100 %: Trainer nutzen häufig die Floskel „In jedem Spiel geben wir 100 %“. 101 % gibt es bekanntlich nicht, aber mit den Playoffs geht das Rennen ja erst so richtig los. Wie schaffen Sie es, im Athletikbereich noch mehr aus jedem Spieler herauszukitzeln?

Julian Morche: Die Motivation fordert unser Headcoach Mike Koch von den Spielern selbst und er ist sehr erfolgreich damit. „Leading by example“, unser Headcoach versteht es, das Team zu inspirieren und sie zahlen es zurück. Die Spieler spüren, dass das, was wir ihnen täglich geben, ihnen letzten Endes gut tut. Egal, ob es Mike ist, der ihnen Systeme gibt, ob es Carsten ist, der mit ihnen individuell arbeitet oder ob ich es bin, der ihnen eine aktive Regeneration im Athletiktraining anbietet; sie müssen spüren, dass es gut für sie ist. Wenn die Spieler dies merken, dann fördert man den Willen und die intrinsische Motivation und dann können sie Bestleistungen bringen.

Um auf die 100 % zu sprechen zu kommen, unsere Jungs holen bei jedem Spiel das Maximum aus sich heraus. Auf dem Level muss man auch in der Saison jedes Spiel sehr erst nehmen und so spielen, als wäre es das entscheidene Playoff-Endspiel, das ist häufig sehr schwierig. Die Spieler haben aber aus der Vergangenheit gelernt, als wir in Gießen und Frankfurt verloren haben. Wir sind dort böse in die Falle des „Nicht 100-%ig-bereit-Seins“ gelaufen. Ein prägendes Erlebnis hatten wir gegen Hagen, als Mike in der Halbzeit sagte: „Wollt ihr nach Hause oder wollt ihr in die Playoffs?“. Das hat die Jungs motiviert und jeder hat diesen Satz wahrscheinlich immer noch in den Ohren.

 

trainingsworld: Worin liegen in dieser entscheidenden Phase der Saison die größten Herausforderungen für einen Athletiktrainer?

Julian Morche: Für uns ist es wichtig, dass wir bei dem bleiben, was wir können. Wir versuchen, das gut zu machen, was wir auch schon vorher das ganze Jahr über gut gemacht haben. Wir sprechen da von unserer Routine, die wir während unserer Saison etabliert haben. Gerade was die Aufrechterhaltung von Mobilität, Stabilität, Verletzungsprävention und Gewebequalität angeht, arbeiten wir sehr akribisch. Ein Kompliment an dieser Stelle auch an unser medizinisches Personal. Unser Konzept geht bisher gut auf. In den Playoffs ist es jetzt wichtig, dass wir den Rhythmus beibehalten. Die Jungs müssen das tun, was sie am besten können: gut verteidigen und systemorientieren Basketball spielen. Daran arbeiten wir in jeder Trainingseinheit und alle Spieler machen einen guten Job. Die athletischen Fähigkeiten zu verbessern, tritt jetzt eher in den Hintergrund.

 

trainingsworld: Ich stelle es mir schwierig vor, sich nach einer langen und intensiven Saison mit Spielen in 3 Wettbewerben wieder zu 100 % zu konzentrieren und fokussieren. Merken Sie bei den Spielern diesbezüglich aktuell im Training im Vergleich zu dem Beginn der Saison einen Unterschied? Mussten Sie vielleicht sogar beim Training gegensteuern?

Julian Morche: In den Playoffs geht es um Alles und jeder Spieler weiß das. Das gesamte Team ist mental auf das Ziel fokussiert. Die Spieler haben einen Tunnelblick und arbeiten bei jedem Training noch konzentrierter als in der regulären Saison. Sie wissen, dass jedes Training zählt und mit dem engen Spielplan werden die Trainingseinheiten rar und jede Trainingseinheit muss sitzen, damit die Spieler das umsetzen können, was unsere Trainer Mike Koch und Carsten Pohl ihnen vorgeben.

 

Ramy Azrak

 

Lesen Sie auch den 2. Teil dieses Artikels

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