Interview mit dem Athletiktrainer der Telekom Baskets Bonn (Teil 2)

"In den Playoffs ist die Psyche entscheidend"

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Es wird physisch: Playoffs in der Beko-Basketball-Bundesliga

Im 2. Teil des Interviews spricht Julian Morche darüber, wieso Jared Jordan außergewöhnlich fit ist, wie er den Begriff „Hygiene“ aus Sicht eines Athletiktrainers neu definiert und welche Faktoren wichtig sind, um in den Playoffs erfolgreich sein zu können.

Lesen Sie auch den ersten Teil des Interviews: "Wichtig ist, den Motor am Laufen zu halten"

 

trainingsworld: Wie erklärt man sich dann diese unterirdische Freiwurfquote von 48 %? Kommt diese vielleicht sogar durch Übermotivation durch den Playoff-Schub zustande?

Julian Morche: Ich glaube nicht. Wir hatten heute einfach ein bisschen Pech. Bei einem so erfahrenen Spieler wie Chris Ensminger, der heute nicht sein volles Potential an der Freiwurflinie zeigen konnte, wird es nicht an Übermotivation oder Nervenschwäche liegen. Wir haben eigentlich viel an allen Kleinigkeiten gearbeitet und die Spieler trainieren auch eigenorientiert und selbstgesteuert an Details, die sie verbessern wollen. In jedem Training werden eine Unmenge an Freiwürfen genommen. Ich kann mir nicht wirklich erklären woher das kommt, aber solange wir das Spiel gewinnen ist das okay (lacht).

 

Die Bewegungshygiene wenden wir an, um die Bewegungsqualität zu verbessern

trainingsworld: Aufbauspieler Jared Jordan ging vor ein paar Wochen quasi am Zahnfleisch. Ich habe selten so einen guten Marathonläufer gesehen, der auch noch eine Basketball-Bundesligamannschaft zu Siegen führt. Welche Regenerationsmaßnahmen führen Sie vor und während der Playoffs mit den Spielern durch?

Julian Morche: Mike Koch räumt mir sehr viel Zeit mit den Basketball-Spielern ein. Ich bin ihm dafür sehr dankbar. Gerade auch nach langen Reisen setzen wir den Fokus sehr auf Regeneration. Wie bereits angesprochen haben wir unsere Routine. In dieser Routine ist ein wichtiger Schwerpunkt die Hygiene, so nennen wir es. Genauso, wie man seinen Körper pflegt und Zähne putzt, so haben wir eine Form der Hygiene ins Training integriert. Da ist zum Beispiel die Bewegungshygiene: Wir gehen Bewegungen durch, die wir im Spiel brauchen. Wir führen hierbei komplexe Bewegungsmuster aus und integrieren Mobilitätskomponenten. Dies machen wir vor jedem Training und vor jeder Regenerationseinheit. Die Bewegungshygiene wenden wir an, um die Bewegungsqualität zu verbessern, so wie jede andere Hygiene dafür da ist, die Qualität der Haut oder der Zähne zu verbessern.

Ein Beispiel hierfür ist der tiefe Ausfallschritt, der immer ins Warm-up intergriert wird. Im tiefen Ausfallschritt versuchen wir die gesamte Hüfte zu bewegen, um einfach den Gelenken die Möglichkeit zu geben, sich frei zu öffnen und das Muskel-Nerv-Zusammenspiel zu verbessern. Bewegung ist wie ein Orchester. Wir führen quasi eine Orchesterprobe für die Bewegung durch. Wenn wir die Bewegungen vor dem Spiel konzentriert durchführen, haben wir letztenendes auch eine bessere Verletzungsprophylaxe.

Des Weiteren könnte ich die Gewebehygiene nennen. Dabei arbeiten wir mit Baseballs, Schaumrollen und den sogenannten Blackrolls, um unsere Muskulatur zu massieren. Das Ziel ist es, die Gewebequalität aufrechtzuerhalten. Wenn der Muskel beispielsweise müde wird oder durch die Spiele zu stark beansprucht wurde, dann hilft die Durchführung der Gewebehygiene sehr. Unser Osteopath Mark Schröder macht hier einen guten Job und wir arbeiten sehr intensiv im Team. In einem Satz zusammengefasst geht es um die Bewegungseffizienz, die wir täglich verbessern wollen.

Um auf die unglaubliche Performance von Jared Jordan zu sprechen zu kommen: Er bewegt sich sehr effizient und verbraucht daher weniger Energie und kann mehr laufen. Zusätzlich hat er hervorragende Ausdauerwerte und ist in allen Belangen ein unheimlich fitter Spieler.

 

trainingsworld: Hat Jared Jordan und jeder andere Spieler zu dem Mannschaftstraining zusätzlich auch einen individuellen Trainingsplan?

Julian Morche: Die individuelle Arbeit ist natürlich von Anfang an gegeben. Wir haben das Bewegungsprofil von jedem unserer Spieler. Zu Beginn der Saison haben wir Bewegungsanalysen und Screens, wie zum Beispiel den Functional Movement Screen, durchgeführt und können darauf immer zurückgreifen. Darauf basieren die Trainingspläne mit den entsprechenden Korrekturübungen, um Schwächen zu beseitigen, aber auch, um die Stärken unserer Athleten zu fördern. Desweiteren haben wir unsere Sprungkraftprotokolle, anhand derer wir Veränderungen sehen. Allgemein helfen uns alle Daten über unsere Spieler, um das Optimum aus jedem Spieler herauszuholen.

 

trainingsworld: Welche Faktoren spielen aus Ihrer Sicht die entscheidende Rolle, um in den Playoffs erfolgreich zu sein?

Julian Morche: Playoffs sind hart! Da sind viele Emotionen im Spiel, das ist mit Reisestrapazen verbunden und natürlich sind physische Fähigkeiten gefragt. Ich glaube aber, dass eine Herangehensweise mit Spaß, Motivation und einem Plan noch wichtiger ist als das einfache Können. Die Psyche ist entscheidend, weil man den Druck und das Spektakel ausblenden muss. Man muss einfach bereit für die Playoffs sein!

 

trainingsworld: Bereit für die Playoffs ist bald auch Ihr Defense-Spezialist Andrej Mangold. Nach seiner Syndosmoseverletzung könnte er bald wieder zum Einsatz kommen. Wie entscheidet sich, ob ein Spieler eingesetzt wird oder nicht?

Julian Morche: Ob Andrej spielen wird, entscheiden der Trainer, das medizinische Personal, ich und natürlich auch der Spieler selber. Wir werden bei solch einer Entscheidung absolut sicher gehen, dass der Spieler voll belastbar und einsatzfähig ist. Bei Zweifeln wird er nicht spielen. Das hat Mike Koch auch schon zu Beginn der Verletzung betont. Er möchte auf keinen Fall die Karriere eines Spielers gefährden oder einen Spieler verheizen. Das rechnen wir ihm alle hoch an, denn in den Playoffs geht es um alles - doch nicht zu jedem Preis!

 

trainingsworld: Mike Koch meinte in der Pressekonferenz, dass vor dem nächsten Spiel die Physiotherapeuten und der Athletiktrainer gefragt sein werden. Welche Trainingsschwerpunkte setzen Sie einen Tag nach einem intensiven Playoffspiel?

Julian Morche: Morgen geht es schwerpunktmäßig um Gewebe- und Bewegungshygiene und die Routine, die wir abspulen. In den Playoffs haben wir nichts Neues ins Training implementiert. Wir modifizieren gegebenenfalls einzelne Übungen und passen Intensitäten an, je nachdem, wie es den Spielern geht.

 

trainingsworld: Julian, ich bedanke mich für das nette Gespräch!

 

Ramy Azrak

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