Nowitzki-Mentor Holger Geschwindner

Der "unbekannte Willi" vom Institut für angewandten Unfug

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Basketballexperte Ramy Azrak im Interview mit dem entdecker von Dirk Niwitzki, Holger Geschwindner

Vom Treffen mit Holger Geschwindner, dem Entdecker und Mentor des NBA Superstars Dirk Nowitzki, aus aktuellem Anlass: Das Basketball-Genie hat kürzlich sein erstes Buch (Nowitzki – Die Geschichte, Murmann-Verlag, 168 Seiten) veröffentlicht.

Vor kurzem wurde mir die Ehre zuteil, Holger Geschwindner in Köln zu treffen. Vielen Menschen ist er wohl besser bekannt als der Entdecker und Mentor des NBA-Superstars Dirk Nowitzki. Aus aktuellem Anlass möchte ich von dieser ungewöhnlichen Begegnung mit einem Basketball-Genie erzählen, denn kürzlich hat er sein erstes Buch (Nowitzki – Die Geschichte, Murmann-Verlag, 168 Seiten) veröffentlicht, in dem er über seine Erfolgsstory schreibt und darstellt, wie er aus einem Talent einen Weltstar geformt hat.

An einem sonnigen Nachmittag im Herbst des letzten Jahres war ich mit Holger Geschwindner im Hotel Excelsior, direkt hinter dem Kölner Dom, verabredet. In der Annahme, ein Interview in der Lobby des Hotels zu führen, hatte ich mir alle Fragen zum Thema „Training mit Dirk“ sorgfältig auf einen kleinen Zettel aufgeschrieben. Mit kleiner Verspätung kam er dann und begrüßte mich sehr freundlich. Doch anstatt eines Interviews hatte Holger Geschwinder erst einmal Lust auf einen Kaffee und so gingen wir zu einem nahegelegenen Starbucks um die Ecke, wo er mich zu einem Latte Macchiato einlud. „Auf welchen Namen gehen die beiden Latte?“, fragte ihn eine Starbucks-Angestellte. Mit lauter Stimme und voller Überzeugung antwortete er „Auf Willi“. Ich mußte etwas schmunzeln und schaute mich um, aber in der langen Schlange hinter uns schien niemand zu wissen, wer grade so laut „Willi“ rief. „In Amiland kann ich nicht so einfach in einen Starbucks gehen“, erzählt mir der ehemalige Nationalspieler später. Dort ist er unter Basketballfans fast so bekannt wie sein Schützling mit der Rückennummer 41. Für viele Amerikaner ist er ein Basketball-Guru. Spätestens seit der Ausstrahlung einer heimlich gefilmten Trainingssequenz mit Nowitzki im amerikanischen Fernsehen, einen Tag vor Spiel 1 der Conference-Finals 2011 gegen Oklahoma, kennt jeder amerikanische Basketballfan Holger Geschwindner. Am Folgetag erzielte Nowitzki 48 Punkte, seine persönliche Bestleistung, und Starbucks-Besuche vermeidet Geschwindner seitdem lieber.

Holger Geschwindner besucht gelegentlich seinen Schützling in „Amiland“, so wie er Amerika selbst immer nennt. Besonders in Krisenzeiten fliegt er kurzfristig zu Nowitzki und trainiert mit ihm. Aber auch moralisch unterstützt er ihn soweit er es kann. „Aufgrund der Lockouts hat Dirk nach der EM über 2 Monate lang pausiert, deshalb lief der Saisonstart natürlich nicht optimal für ihn“, erzählt mir Holger Geschwinder und ergänzt: „Die Vorbereitung auf die verkürzte NBA-Saison war anders geplant, doch eine kurzfristige Einigung der Club-Eigner mit der Spielergewerkschaft zwang Dirk, ohne gewöhnliches Aufbautraining viele Spiele in Folge zu spielen.“ Der holprige Start der Dallas Mavericks ist aber nicht nur durch Nowitzkis verkürzte Vorbereitung zu erklären. Die Mavericks mussten diese Saison die beiden NBA-Neuzugänge Lama Odom und Vince Carter neu ins Team integrieren. Auf die Frage, ob die besten Tage von Vince Carter denn schon gezählt seien, erklärt mir Holger Geschwindner, dass genau in dieser Fragestellung das grundsätzliche Problem liege. „Anders als die Amis habe ich Dirk nicht ausschließlich von der Athletik abhängig gemacht“. Demnach basiere Nowitzkis Stärke auf dem guten technischen Rüstzeug und seiner mentalen Stärke, die sich auch in Nowitzkis Freiwurfquote von teilweise über 90 % Trefferquote widerspiegelt.

Auf meine erste fachliche Frage in Bezug auf Basketballtechnik antwortet Holger Geschwindner mit konzentriertem Blick „Was ich lehre steht in keinem Basketballbuch.“ Daher wird er in den Medien häufig als „Guru“, „Querdenker“ oder „Genie“ bezeichnet. Kritiker bezeichnen ihn als „Dummschwätzer“ oder „Spinner“. Damit befasst sich der studierte Mathematiker und Physiker in der Regel nicht. „Ich bin kein Politiker, der um Wählerstimmen kämpft. Ich will auch nicht die Welt verbessern. Ich habe nur ein Leben und dafür ist das zu kurz.“ Zumindest den Basketball verbessert er nachhaltig durch seine außergewöhnlichen Trainingsmethoden. Vor allem den „One Step Fade Away“ (Sprungwurf im Nachhintenfallen) hat er Dirk Nowitzki antrainiert und perfektioniert. Holger Geschwinder spricht selbst von der „dritten Dimension“, der Höhe im Raum (neben Länge und Breite), die bei einem 2,13 Meter großen Spieler wie Nowitzki nicht zu verteidigen ist. Nüchtern dementiert er, dass dieser Wurf unkonventionell sei und Nowitzki keine Kontrolle in der Luft habe, wie es oftmals in den Medien beschrieben wird. „Die Medien schreiben nur das, was die sehen. Der Wurf basiert auf rationalen mathematischen Berechnungen.“, erklärt mir der ehemalige deutsche Nationalspieler und fügt schmunzelnd hinzu: „Ein Spieler kann auch von der Mittellinie werfen, solange er mindestens 43 % seiner Würfe trifft“.

Dann zeigt er mir auf seinem Laptop sein selbst entwickeltes Programm, bei dem er einen Spieler mit verschiedenen Fähigkeiten kreieren kann und welches auf verschiedene Wurfkurven die dazugehörigen prozentualen Trefferquoten berechnet. Am linken unteren Rand der Präsentation liest man „Institut für angewandten Unfug“, wie er selbst sein Hobby ironisch bezeichnet.

Aber nicht nur Dirk Nowitzki profitiert von den „unsinnigen“ Ideen Geschwindners. Fast täglich trainiert der 67-Jährige ehrenamtlich und mit voller Leidenschaft ein paar Kids in einer ehemaligen Lagerhalle in Bamberg, wie er mir erzählt. Akribisch arbeitet er an einem Konzept mit aktuell 32 Basisübungen, bei dem die Kids Basketballwissen im Internet theoretisch und praxisnah abrufen können. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, einen Test durchzuführen und ein Basketball-Zertifikat zu erhalten. „Die Kids sollen Spaß am Lernen haben und ihre Fähigkeiten weiterentwickeln“. (Alles zum Basketball-Trainerschein)

Soziales Engagement ist Holger Geschwindner sehr wichtig. Deshalb engagiert er sich darüber hinaus auch für das Projekt „BasKIDball“ (http://www.baskidball.de/), das unter der Schirmherrschaft von Dirk Nowitzki steht. „Die Kids können alles machen was sie wollen, sogar einen 3-fachen Salto in der Luft, solange sie die Basketballregeln beachten. Manchmal lasse ich sie selbst Übungen entwickeln“, erzählt er mir mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Einen 2. Nowitzki will Holger Geschwindner übrigens nicht herausbringen. „Das war nie mein Ziel und ich muss auch niemandem etwas beweisen.“

Er ist kein Mann der großen Worte und braucht keinen großen Rummel um sich herum. Er trinkt lieber seinen Kaffee Latte in einem deutschen Starbucks, wo er einfach nur der „Willi“ von nebenan ist.

 

Ramy Azrak

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