Ex-Weltklassetorhüter Andreas Thiel im Interview

„Eine Entzerrung des Terminkalenders erreicht man nur mit spürbaren Sanktionen“

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Thiel ist heute Justiziar der HBL.

Heute startet in Spanien die Handball-Weltmeisterschaft. Das deutsche Team geht eher als Außenseiter an den Start. trainingsworld.com sprach mit Ex-Weltklassetorwart „Hexer“ Andreas Thiel über seine Titelfavoriten, den prallen Terminkalender und die Probleme in der Nachwuchsförderung.

trainingsworld.com: trainingsworld.com: Die DKB Handball-Bundesliga gilt als stärkste Liga der Welt, die Nationalmannschaft hinkt den Erfolgen der Liga jedoch seit einiger Zeit hinterher. Woran liegt das? 

Andreas Thiel absolvierte 528 Bundesligaspiele, 256 Einsätze für die Nationalmannschaft, ist facher Olympia-Teilnehmer, fünfmaliger Deutscher Meister, dreimaliger Pokalsieger und Sieger im Europapokal der Landesmeister. Heute ist er Justiziar der DKB Handball Bundesliga.

Andreas Thiel: Das liegt schlicht daran, dass die Vereine, die für uns international werthaltige Titel gewinnen – das heißt, die Champions League oder die Qualifikation für das Final Four der Champions League – hochkarätig mit internationalen Weltklassespielern besetzt sind, während sich die Nationalmannschaft seit 2008 bemüht, Weltklassespieler zu entwickeln. An dem Problem der Anschlussförderung kommen wir einfach nicht vorbei. Junge Leute, die im Jugend- und Juniorenbereich für den DHB Titel wie Europameister und Weltmeister gewonnen haben, haben nach wie vor Probleme, sich in der 1. Liga bei den Spitzenmannschaften mit Spielanteilen zu versehen. Das ist ein Problem, das wir mittelfristig lösen müssen, erste Schritte wurden auch von der Liga gemacht. 

trainingsworld.com: Am Mittwoch gab es ein Interview mit Stefan Kretzschmar in der Sport Bild. Er meinte „In Deutschland ist es um den Handballsport nicht rosig bestellt.“ Teilen Sie diese Meinung? 

Andreas Thiel: Das ist mir ein bisschen zu negativ, ansonsten kann ich Kretzsche vom Grundsatz her zustimmen. Wir haben keine internationalen Erfolge der Nationalmannschaft. Letztendlich zählen nur Ergebnisse, diese Ergebnisse konnte das Nationalteam nicht liefern. Nicht ganz unter den Tisch sollte allerdings fallen, dass alle internationalen Titel derzeit in den deutschen Klubvitrinen stehen. 

EHF und IHF sind im Grunde nicht verhandlungsbereit

trainingsworld.com: Könnte das an der Terminflut mit jährlich einer WM oder EM, Bundesliga, DHB-Pokal und Spielen auf europäischem Parkett liegen, die derzeit heiß diskutiert wird? Ist so eine Belastung mittelfristig weiter durchführbar? 

Andreas Thiel: Ganz konsequent zu Ende gedacht ist das mit Gesprächen allein nicht lösbar. Die EHF und die IHF sind im Grunde nicht verhandlungsbereit. Es geht nur, wenn die EHF das Champions League-Volumen deutlich zurückschraubt. Dazu müssen sie zu einem Vierjahreszyklus zurückkehren und nicht einen Zweijahreszyklus nach wie vor favorisieren. Wenn ich im Zweijahreszyklus eine WM und eine EM habe, hat man nun mal jedes Jahr ein Turnier – und dann kommen noch die Olympischen Spiele dazu. Daran krankt es. Der Ligen-Betrieb bei uns krankt im Wesentlichen weniger an den internationalen Turnieren, als vielmehr am Champions League-Modus. Solange sich EHF und IHF nicht bewegen, wird sich an dieser Situation nichts ändern. Irgendwo habe ich von Bundestrainer Heuberger gelesen „Ein Boykott oder Streik kommt nicht in Frage“. Ich sage: Das ist das letzte Mittel, das in Frage kommt. Wenn der deutsche Handball tatsächlich eine Entzerrung des internationalen Kalenders erreichen will, geht das unter Umständen nur mit spürbaren Sanktionen. Eine solche Sanktion ist, dass der Deutsche Handball Bund an einer EM oder WM schlicht nicht teilnimmt. Wenn die bösen Deutschen nicht teilnehmen und insbesondere die deutschen Werbeträger und Sponsoren nicht zur Verfügung stehen, weil eine deutsche Nationalmannschaft nicht mitspielt, dann will ich doch mal sehen, ob man mittelfristig vielleicht doch nicht die Front aufweicht. Das ist ein Drohpotenzial, das wir in letzter Instanz nicht scheuen sollten. Den zahlreichen Treffen müssen jetzt Taten folgen. 

Eine Berufung ins DHB-Team ist eine Ehre, aber auch Verpflichtung

trainingsworld.com: Das heißt, dass Sie Verständnis haben, dass viele etablierte Kräfte aufgrund der Mehrbelastung auf die WM in Spanien verzichten? 

Andreas Thiel alias "der Hexer".

Andreas Thiel: Ja und nein. Ich habe einerseits kein Verständnis, das ist die emotionale Argumentation: Für das Vaterland habe ich anzutreten. Punkt, aus. Die zweite Geschichte ist die vernünftige, analytische Argumentation: Wenn ich als Profisportler über längere Zeit Geld verdienen will, dann muss ich mir angesichts des Terminkalenders Pausen nehmen. Das ist den Jungs, jedenfalls in dieser Zeit, nicht selbstverständlich vorzuwerfen. Dennoch sollte eine Berufung in die deutsche Nationalmannschaft als Adelsschlag wahrgenommen werden. Es ist eine Ehre, aber auch Verpflichtung. 

trainingsworld.com:  Wie kann man darauf hin trainieren, um solche Belastungen zu meistern? Gibt es Möglichkeiten, um die Regeneration im Training zu fördern? 

Andreas Thiel: Nein. Das einzige, was man machen kann, ist gar nicht zu trainieren oder Fußball zu spielen. Und selbst das reicht angesichts der Dichte der Spiele nicht aus. Das ist weniger ein körperliches Problem – das halten alle aus. Handball spielen ist immer schöner als ein zweistündiges intensives Training. Und die Belastung ist dieselbe Was leidet, ist die Einstellung. Es ist deutlich leichter, sich einmal in der Woche auf einen Höhepunkt zu konzentrieren, als das alle zwei Tage tun zu müssen. 

Im Grunde zählt nur der Titel

trainingsworld.com: Das DHB-Team ist bei der WM eher ein Team der "Namenlosen". Wie schneidet die deutsche Auswahl ab und wer wird Weltmeister? 

Andreas Thiel: Aufgrund des Heimvorteils ist mein Weltmeistertipp Spanien, Geheimfavorit ist für mich Polen. Die deutsche Mannschaft wird das Achtelfinale erreichen. Wenn die Vorrunde brauchbar gestaltet wird, das heißt für mich Platz zwei, wird sie das Achtelfinale auch überstehen. Im Viertelfinale muss man sehen, das ist auch ein Glücksspiel. Aus Vermarktungsinteresse zählt zwar nur das Halbfinale und selbst das reicht nicht – im Grunde zählt nur der Titel. Das ist aber absolut vermessen. Ich lasse mich gerne überraschen, aber das wird nicht eintreten. Wenn die deutsche Mannschaft das Viertelfinale erreicht, wäre ich aus sportfachlicher Sicht nicht glücklich, aber zufrieden. 

trainingsworld.com:  Zuletzt noch eine Frage zu Ihrer Person: Ebenfalls im Sport Bild-Interview hat Stefan Kretzschmar ihren Namen als geeigneten Nachfolger für das Amt des DHB-Präsidenten ins Spiel gebracht. Wie stehen Sie dazu? 

Andreas Thiel: An Personalspekulationen beteilige ich mich nicht. Viel wichtiger sind wesentliche Strukturänderungen im Deutschen Handball, insbesondere beim DHB. Auf den Schild wird der Präsident letztlich von den Delegierten der Landesverbände gehoben, öffentliches Ballyhoo im Vorfeld ist eher schädlich als nützlich.

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